Berichten, was zu berichten ist?

Ein Flugzeug stürzt ab. Menschen sind gestorben, 150 Leben abrupt beendet. Seit heute Mittag die Eilmeldungen aus Frankreich den Fokus vom Besuch des griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras auf den Absturz von Germanwings-Flug 4U 9525 auf sich zogen, ist eine Berichterstattungsmaschine angesprungen, die kaum ein Detail zu erwähnen vergisst. Nur: was ist dabei eigentlich zu erfahren?

Der französische Präsident tritt vor die Presse und bestätigt den Absturz. Es gebe wohl keine Hoffnung, dass Passagiere oder Crew überlebt hätten. Flightradar24 veröffentlicht seinen Datensatz zum Airbus A320 D-AIPX, der einen seltsamen achtminütigen Sinkflug absolvierte um dann im Gebirge vom Radar zu verschwinden. Der Außenminister und der Verkehrsminister geben Statements, reisen in die Nähe des Absturzortes. Das Krisenzentrum im Auswärtigen Amt wird besetzt, eine Hotline eingerichtet. Die Kanzlerin tritt vor die Presse.

Statements französischer Minister. Statement der Ministerpräsidentin. Der Bundespräsident, in einer anderen Zeitzone, kündigt eine vorzeitige Rückkehr nach Deutschland an. Ein Schock. In tiefer Trauer. Politiker aller Parteien veröffentlichen Statements. Alle drücken den Angehörigen der 150 Opfer ihr Mitgefühl aus. Über Ursachen solle nicht spekuliert werden.

Der Pressesprecher des Zielflughafens gibt bekannt, dass man sich um die Angehörigen der Opfer kümmere. Eine Hotline ist eingerichtet. Erste Pressekonferenz des Luftfahrtunternehmens (eine Hotline ist eingerichtet), des Mutterkonzerns, des Bürgermeisters einer Stadt, aus der einige der Opfer kamen, zweite Pressekonferenz des Luftfahrunternehmens, bei dem die Zahlen bestätigt werden. 150 Menschen sind gestorben. Darunter 67 deutsche Staatsbürger. Davon 16 Schüler und zwei Lehrerinnen aus einer kleinen, nordrhein-westfälischen Stadt, aus der zwei populäre Fußballer stammen. Auch sie drücken den Angehörigen der Opfer ihr Mitgefühl aus.

Die Fernseh- und Radioprogramme stellen ihr Programm um. Sondersendungen, Spezials, Sonderausgaben. Die Statements revolvieren hochfrequent. Über Ursachen solle nicht spekuliert werden. Interviews mit Luftverkehrsexperten. Mit erfahrenen Piloten. Mit Traumatherapeuten und Notfall-Seelsorgern. Vom Zielflughafen seltsame Mischungen aus Bildern von Menschen am Flughafen – und der Tonspur, die darauf hinweist, wie wichtig es für die betroffenen Angehörigen ist, nun in Ruhe die schlechte Nachricht verarbeiten zu können.

Erste Bilder von der Unglückstelle. Trümmerteile bedecken die Berghänge. Ein Flugschreiber soll gefunden sein. Außenminister und Verkehrsminister sind in der Nähe eingetroffen. Die französischen Bergungsarbeiten sind bereits im Gang, ein Flugschreiber wird gefunden. Die Bergung wird schwierig werden, das Wetter in den Bergen soll schlecht werden.

Morgen reist Kanzlerin Angela Merkel in die Unglücksregion. Die Identifizierung der Opfer wird voraussichtlich Tage dauern. 150 Menschen sind wohl gestorben. Ein Airbus A320 der Germanwings ist abgestürzt. Die Trauer ist groß. „Bislang wissen wir relativ wenig über die Ursachen“, sagt die ARD-Brennpunkt-Moderatorin. Über die Gründe wird inzwischen intensiv spekuliert. Berichte über die Arbeit verweigernde Mitarbeiter der Fluglinie machen die Runde. Über ihre Gründe wird spekuliert.

  4 comments for “Berichten, was zu berichten ist?

  1. 24. März 2015 at 22:06

    Einverstanden. Hab aber heute immer wieder darüber nachgedacht, was ich in so einer Lage erträglicher fände: nonstop Beschäftigung mit dem Unglück, wie weit hergeholt auch immer, oder dass bis auf Berichte über (neue) Fakten alles weitergeht wie an jedem anderen Tag. Komme zu keinem Schluss.

    • fsteiner
      24. März 2015 at 22:09

      Ich auch nicht. Daher dieser sicherlich meine Ratlosigkeit auch ganz passabel spiegelnde Text.

  2. 25. März 2015 at 0:19

    Hatte, bevor ich das hier las, deinen Tweet gelesen und dein Genervtsein hierher mitgenommen. Ja, wenn ich es jetzt noch mal lese, wirkt es hilflos. Versteh ich gut.

  3. 25. März 2015 at 10:05

    Sieht man von einzelnen Ausreissern ab, bei der methodische Regeln nicht eingehalten werden (etwa belästigen von Angehörigen), sehe ich in der „Spekulation“ kein Problem.
    Wie die Wortherkunft schon zeigt, handelt es sich bei Spekulation (speculare: beobachten, spähen) um einen Beobachtungsvorgang. Dabei stellt der Beobachter Hypothesen auf, unbewiesene Behauptungen, und überprüft diese auf Beweisbarkeit.
    Das ist der Kern wissenschaftlichen Arbeitens und mit Annahmen im Bereich des kaum beweisbaren befassen sich seriöse Wissenschaften wie die Philosophie.
    Leider gibt es mehr oder weniger naheliegende Hypothesen, zum Beispiel könnte ein Flugzeugabsturz von Terroristen begangen worden sein (hm, nicht auszuschliessen), durch einen Giftgasanschlag ausgelöst sein (sehr unwahrscheinlich) oder eine fehlgeschlagene Entführung durch Aliens zur Ursache haben (Fantasy). Je weiter eine These in die Unwahrscheinlichkeit rückt, desto mehr Aufmerksamkeit zieht sie nach sich: gekauft werden sicherlich Zeitungen mit Alien-Cover und der Headline „Aliens töten Deutsche Urlauber“.
    Aber auch dies steht im Wechselspiel von Phantasie und Wahrheit und kaum ein Medium wird ein Interesse daran haben, den Bogen zu überspannen, weil es an Vertrauen verliert. Das muss subtiler geschehen, und dort ist eine Grauzone. Dennoch spiegelt dieses Wechselspiel nur die Sorgen und Phantasien des Publikums: Kann ich German Wings vertrauen, ist Fliegen sicher etc auf der einen Seite, bei den wirklich Sorgenden soll Faktensicherheit helfen, den Vorgang für sie sinnhaft abschliessbar zu machen.
    Und am Ende ist genau diese Grenze von „Spekulation“ zwischen Fakten und faktenfreier Phantasie genau der Motor, der den Wissensprozess antreibt und stetig das eine von dem anderen trennt.

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