Berlin-Mitte, Rosenthaler Platz – oder: Eberhard ist nicht mehr da

Ich weiß nicht genau wo er hin ist, der Herr mit dem Bart und den meist ungewaschenen langen Haaren. „Haste ma ne Münze?“, den Satz konnte Eberhard in fünf Sprachen. Er ging den Weinbergsweg entlang alle, wenigen, Restaurants und Cafés hinauf und fragte. Und kam kurz darauf wieder herum um bereits vergessen zu haben, wen er schon nach Geld gefragt hatte. Fiel es ihm doch auf, entschuldigte er sich höflich. Und jeder war froh, wenn ihm dabei nicht zu viel Speichel entkam, der das Essen etwas weniger lecker gestaltete.

Wer auch immer die Idee hatte, Fahrradwege teilweise auf Bürgersteige hinter Tramstationen zu führen, wie hier am Rosenthaler Platz, ist sicherlich Autofahrer. (2016)

Wer auch immer die Idee hatte, Fahrradwege teilweise auf Bürgersteige hinter Tramstationen zu führen, wie hier am Rosenthaler Platz, ist sicherlich Autofahrer. (2016)

Der Weinbergsweg, die untere Verlängerung der Kastanienalle, beginnt am Rosenthaler Platz, führt am Volkspark am Weinberg vorbei. Am einen Ende, zum Rosenthaler Platz, ist er eigentlich nur ein Straßenstummel. Nur Trams dürfen dort hindurchfahren, Autos nicht. Fahrradfahrer hassen die Stelle aus Angst vor den Tramschienen genauso wie Fußgänger aus Angst vor den Fahrradfahrern, die von misanthropischen Stadtplanern mitten auf den Bürgersteig hinter einer Tramstation geleitet werden.

Der Rosenthaler Platz ist ein Menschenmagnet. Unten rauscht die U8, die eine Hauptlebensader vom Altwestberliner Wittenau über Gesundbrunnen über Alexanderplatz, Kottbusser Tor und Hermannplatz bis zur Hermannstraße ist, unter dem Platz entlang. Wer dort ankommt, merkt: hier ist die Substanz marode. Es stinkt, ist hässlich und wenn am Wochenende die U-Bahnen die Nacht durchfahren, dann ziehen BVG-Sicherheitsleute immer wieder Betrunkene aus dem Gleisbett.

Eine Etage darüber die Torstraße, die Brunnenstraße, die Rosenthaler Straße, die zum Hackeschen Markt führt. Zum Alex ist es fußläufig – durch ein Gebiet zwischen Rosa-Luxemburg-Platz und Hackeschem Markt, entlang von Münz-, Weinmeisterstraße, das durch Flagship Stores entstellt ist. Läden, die ihre Miete nicht erwirtschaften müssen, weil sie aus dem PR-Etat betrieben werden: Im Zweifel kaufen die Besucher die Klamotten hinterher im Internet. Aber die Marke zeigt Präsenz, wo es schick, hip und cool ist. Mittendrin steht eine Waldorfschule – und immer wieder Ost-Plattenbauten, die aber langsam Stück für Stück so verkleidet werden, dass man ihnen möglichst wenig Ost-Charme ansieht.

Blick aus dem Café "St. Oberholz" auf den Rosenthaler Platz, 2011

Blick aus dem Café „St. Oberholz“ auf den Rosenthaler Platz, 2011

Am Rosenthaler Platz wird weniger geshoppt, hier wird vor allem gelebt. Das Erdgeschoss des Vorzeige-Café-mit-Internetanschluss von Ansgar Oberholz, leicht größenwahnsinnig als St. Oberholz benamst, war jahrelang das Standardbild für alles rund um das Modewort ‚Coworking‘. Menschen, Laptops, Kaffee, wahrlich revolutionär – damals, als Ansgar Oberholz das Café 2005 eröffnete. Heute bieten hier Waschsalons, Falafelbuden und Optiker WLAN an.

Hotels, Hostels, Spätis, der Pizzateileverkäufer La Pausa und der bis spät nachts offene Rosenthaler Grill (im Berliner Dönerbuden-Quartett von 2004 waren nur 2 Sitzplätze ausgewiesen, heute bietet er locker 30 Menschen Platz), der Superfoods-Vogelfutter-Laden Daluma und das russisch angehauchte Restaurant Gorki Park oder auch das Quietschmädchen-Herumsitz-Café Fleury, all das ist der Rosenthaler Platz. Und es ist Berlin-Mitte, als ob man es für einen Touristenführer entworfen hätte. Hinter dem Fleury links geht es in den Weinbergspark. Niemand sagt hier Volkspark. Eigentlich sollte hier Gras sein, jetzt im Frühling.

Kein Gras mehr, nirgendwo

Allein, es ist nicht da. Auf dem malträtierten Boden hat Gras kaum mehr eine Chance. Die Gartenbauer, deren kleines Hauptquartier im Park liegt, haben offenbar das mit dem Gras aufgegeben. Genauso wie die Dealer, die bis vor vier, fünf Jahren noch im Park ihre Produkte feilboten, einem Park, an dessen West-Ende die Polizeistation der Direktion 3, Abschnitt 31 liegt. Im Winter ist der Park nun ein Hundekackparadies (natürlich verboten), im Sommer eine einmalige Mischung aus Klee, Moosen, Kippen und Flaschenscherben, mit viel Erde und wenig grün. Immerhin: es ist grüner als im Mauerpark, wenige hundert Meter weiter. Dort wächst nicht mal mehr Klee.

Blick vom Fernsehturm am Alexanderplatz 2011 auf "Mitte" und Teile des Prenzlauer Bergs.

Blick vom Fernsehturm am Alexanderplatz 2011 auf „Mitte“ und Teile des Prenzlauer Bergs.

Es gibt keine Mitte-Mitte

Der Bezirk Mitte mit seinen Ortsteilen Gesundbrunnen, Wedding, Moabit, Hansa-Viertel, Tiergarten und eben Mitte, er ist ein von der Teilung vielfach geprägter Bezirk. Die alten Westgrenzviertel Gesundbrunnen, Wedding, Moabit waren und sind bis heute von wirtschaftlich schwächeren Einwohnern, oftmals von aufstrebenden Einwanderern geprägt, denen längst nicht allen der erhoffte Aufstieg gelang.

Der Ostteil Mittes, Alt-Mitte oder Mitte-Mitte, wie man heute oft hört, hat keinen echten Kern, auch nicht den verbauten aber als Verkehrsdrehkreuz funktionalen Alexanderplatz. Im Norden und Westen die alte Mauer, besteht Alt-Mitte im Südosten aus einem irgendwie noch dazu gehörenden aber seelenlosen Bereich vom Beginn der Karl-Marx-Allee entlang zur Spree hinab. Dann rund um die Heinrich-Heine-Straße im Süden, wo sich schon alles mehr nach Kreuzberg als nach Mitte anfühlt, über die Neue und Alte Jakobstraße und Kommandantenstraße zu den riesigen DDR-Leuchtturm-Plattenbaubunkern auf der Fischerinsel und entlang der Leipziger Straße. Dort begann die eigentliche DDR-Vorzeige-Grenzzone im historischen Stadtkern. Heute bildet der Bereich von dort bis hin zum Potsdamer Platz und dem Hauptbahnhof mit vielen Hotels und Restaurants, Bürokomplexen, Ministerien, Shopping Malls, Museen den geografischen Kern der Stadt. Der aber ab 17 Uhr so mausetot ist, dass sich Taschendiebe aus Langeweile schon gegenseitig beklauen müssen.

So kitschig kann der Blick auf Regierungsviertel-Mitte sein - in Richtung Sonnenaufgang, Höhe Hauptbahnhof fotografiert.

So kitschig kann der Blick auf Regierungsviertel-Mitte sein – in Richtung Sonnenaufgang, Höhe Hauptbahnhof fotografiert.

Man kann durch Alt-Mitte gemütlich in einer Stunde von einem zum anderen Ende flanieren, und neunzig Prozent des Gesehenen sind etwa so hübsch wie Köln – aber ohne Dom. Doch all das wird gern übersehen, wenn über „Mitte“ geschrieben wird, um Stereotypen zu bedienen. Mitte ist dann Rosenthaler Platz und Hackescher Markt, Touristen, Hipster, Fashion Week, Bio, Latte Macchiato und halt eben neuerdings Superfood.

Partypeople aus der Pampa

Viele von denen, die rund um den Rosenthaler Platz lungern, wohnen hier nicht. Viele von ihnen kommen gezielt hier her, zur „Castingallee“, wie man früher spöttelte, und die allermeisten von ihnen wüssten sicher nicht einmal wo die Grenze zwischen Mitte-Mitte und dem angrenzenden Pankow-Prenzlauer Berg verläuft (das soll allerdings auch Tagesspiegel-Redakteuren schon passiert sein). Hip ist heute eigentlich Neukölln am Landwehrkanal-Ufer („Kreuzkölln“) oder Neukölln am Tempelhofer Flugfeld. Beides liegt an der U8, die die Menschen direkt herbeibefördert. Viele andere wiederum sind eh nur zu Gast in der Stadt, bewohnen Ferienwohnungen, die es in der Gegend reihenweise gibt – in meinem Wohnhaus mindestens zwei. Wohnungen, die vollständig nur für Feriengäste genutzt werden. Welche alle den gleichen Reiseführern online vertrauen und daher am Rosenthaler Platz das pralle Leben vermuten (das er im Vergleich zu Birmingham, Bible Belt, Bialystok, Bern und Barsinghausen auch bietet). Die auch gerne an dem einen Wochenende, das sie in Berlin sind, so richtig Party machen wollen. Dass eine Woche später vielleicht schon die nächsten genau das gleiche vorhaben, ist nicht ihr Problem.

Inzwischen stehen hier an der Kastanienallee (Mitte-Teil) die versprochenen Premium-Appartements. Bild von 2012.

Inzwischen stehen hier an der Kastanienallee (Mitte-Teil) die versprochenen Premium-Appartements. Bild von 2012.

Genau wie etwas anderes, was mit den AirBnB-Touristen zusammenhängt: die Wohnungen, die ausschließlich als Ferienwohnungen vermietet werden, fehlen dem normalen Mietmarkt. Der Quadratmeterpreis für Neuvermietungen hat in Mitte nun die 11 Euro-Kalt-Marke erreicht. 11 Euro, das ist der Mittelwert aus Leipziger Straße-Hochhäusern und Neubau-Oberklasse-Premium-Segment in den Choriner Höfen oder gar Luxusbauten wie dem Yoo (Maximalpreis) neben dem Berliner Ensemble, direkt an der Spree. Die teuerste Wohnung dort kostet 4,1 Mio. Euro, 336 Quadratmeter – immerhin gehört sie einem dafür auch. Was für Münchner (Haidhausen: 15,10 Euro, Schwabing: 14,90 Euro) günstig scheint ist für Hamburger (Eimsbüttel: 10,80, Altona-Nord: 11,10, St. Pauli 8,70 Euro) und Stuttgarter (Mitte: 8,70, West: 10,70 Euro) aber durchaus auch schon viel. Bei theoretisch zumindest nach wie vor geringeren Einkommen in der Hauptstadt. Wer heute hierher, nach 10115, 10119 und 10435, die begehrten Teile Berlin-Mittes zieht, der muss ordentlich verdienen, kann dafür aber auch ordentlich wohnen. Die Rosenthaler Vorstadt und die Spandauer Vorstadt wurden als Sanierungsgebiete schöner – aber eben auch attraktiver, nicht nur für Touristen, und damit teurer.

Wie ein Wirt versucht, das Museum zu verhindern

Es ist ein Nachmittag, ich gehe in eine der Kneipen der Gegend. Sie ist schon lange hier und der Wirt, er will sein Stammpublikum halten – nicht bloß von Touristen leben. Er möchte nicht, dass der Kiez irgendwann nur noch ein Berlin-Museum ist und seine Kneipe ein Teil davon. Auf zwei großen Tischen stehen „Reserviert“-Schilder. Die Tische hält der Wirt bis in den Abend hinein frei – für alle, die er als Kiezbewohner kennt.

Für viele, die schon sehr lange hier wohnen, ist manches Angebot rund um den Rosenthaler Platz und die angrenzenden Straßen fremdartig. Wer sich noch erinnern kann, dass die U-Bahn-Linie 8 im Osten nicht hielt, die Tram einst die Wilhelm-Pieck-Straße entlangfuhr und auch schon mal an der Dimitroffstraße aus der U-Bahnlinie 2 stieg, der hat hier keine Zukunft, wenn er aus irgendeinem Grund aus seiner Wohnung muss. Außer vielleicht im Altenpflegestift am oberen Ende des Weinbergswegs… Auch Machleidts Backstube hätte es kürzlich fast erwischt. Der Bäcker auf der Wolliner Straße am Arkonaplatz backt Brötchen und Kuchen wie zu Ost-Zeiten. Schmeckt nicht jedem, aber gehört hierhin. Das Haus, in dem der Bäcker seit Jahrzehnten saß, ist extrem baufällig. Die Feuerwehr hat es mehrfach absichern müssen.

Die regelmäßig abgestützte Hausruine an der Ecke Arkonaplatz/Wolliner Straße (2011)

Die regelmäßig abgestützte Hausruine an der Ecke Arkonaplatz/Wolliner Straße (2011)

Raus musste der Bäcker – und fand im Haus gegenüber eine Bleibe. Das alte Haus steht nun seit Monaten leer, wartet auf seine Kernsanierung. Wie so manches Haus in der Gegend, was von den Stuckrestaurateuren noch nicht fototauglich aufgehübscht wurde. Selbst Vorzeigeprachtbauten wie das alte Kaufhaus Jandorf, mit mehreren Tausend Quadratmetern Fläche, unmittelbar am Weinbergspark gelegen, modern weitgehend leer vor sich hin. In München, Hamburg, Köln oder Stuttgart undenkbar – so ein Gebäude an so einem Standort. Die Investoren haben sich offenbar verspekuliert. Aber vielleicht wird modern irgendwann in Mitte wieder modern.

Zuletzt sah ich Eberhard, den hageren Bettler, vor eineinhalb Jahren, unweit des Virchow-Klinikums im Wedding. Es ging ihm nicht gut. Würde er heute wieder an den Rosenthaler Platz, sein altes Revier kommen, hätte ein Restaurant geschlossen und drei weitere eröffnet. Darunter eines mit vogelfutterartigem Angebot, vor dem viele junge, hagere Menschen sitzen und den Traum vom Essen mit positiver Wirkung jenseits der Sättigung träumen. Er würde sie in fünf Sprachen fragen: Haste ma ne Münze? Aber Eberhard ist nicht mehr da.

Dieser Text entstand, weil mir ein Zeit-Magazin-Text über diesen Kiez auf individualtouristischer Scheuklappen-Basis ziemlich auf die Bio-Nuss ging. Veröffentlicht habe ich ihn, nachdem in der FAS heute in einem weiteren Text ebenfalls irgendein „ein Mitte“ beschrieben wurde (deutlich realistischer, leider lieblos).