Vorratsdatenspeicherung und SPD: Zwei Sichtweisen

124 Ja-Stimmen
88 Nein-Stimmen
7 Enthaltungen

Man könnte das auf zwei Weisen lesen:

Variante 1: Sigmar Gabriel und Heiko Maas haben die Mehrheit der Delegierten von der Notwendigkeit einer Neuauflage der Vorratsdatenspeicherung überzeugt. Ein starkes Signal für seine Politik, ein großer Sieg bei einem schwierigen Thema. Gabriel geht gestärkt aus diesem Parteikonvent.

Variante 2: Der die Vorratsdatenspeicherung zur Vertrauensfrage erklärt haben lassende Sigmar Gabriel hat bei dem Parteikonvent in Berlin nur etwas mehr als die Hälfte der SPD-Funktionäre hinter seinen Kurs bringen können. Ein starkes Signal, dass die SPD-Delegierten dem Parteivorsitzenden Stil und Inhalt nicht durchgehen lassen wollen. Gabriel geht stark beschädigt aus diesem Parteikonvent.

Angesichts dessen, dass der SPD-Parteivorstand noch am Samstagmorgen mit 35 von 37 Stimmen dem Gabriel-Kurs zustimmte, erscheint mir die Deutungsvariante 2 deutlich plausibler – schon die Funktionärsebene unter dem Vorstand trägt Gabriels Kurs hier nur widerwillig mit. Oder sieht diese Torte nach einem großen Sieg aus?

Blau: Nein Gelb: Enthaltungen Rot: Zustimmung
Blau: Nein
Gelb: Enthaltungen
Rot: Zustimmung

 

 

Die Krautreporter – Alles, Nichts, Oder!?

Gratulation, Krautreporter! Deutlich über ein Jahr ist es nun her, dass es hieß:

Nur wenige Wochen später war dann Krautreporter plötzlich nicht mehr die Crowdfunding-Plattform für individuelle journalisitsche Projekte, sondern etwas ganz Neues (naja, fast) auf dem Markt: „Krautreporter – das Magazin“.

Gut, interessiert vielleicht kein Schwein mehr, aber auch ich habs damals mitfinanziert. Weil ich viele der Kollegen, die dafür ihren Namen gaben, für gute Journalisten halte (und, das sollte ich der Fairness halber sagen, es für mich eh eine Betriebsausgabe ist). Niggemeier, Wiegold, Weinreich, jeder für sich, jeder in seinem Metier sehr gut. Könnte da nicht etwas ganz Neues, etwas wirklich Gutes entstehen?

Das Alles-oder-nichts-Prinzip, die Emotionalisierung, ist das Wesen von Crowdfunding.

Alles, Nichts, Oder? Ja, an genau dieses Lowlight deutscher Fernsehgeschichte muss man sich nach einem Jahr erinnert fühlen. Denn so lang ist es her, dass man sagen darf: es war die Kraut, die sich was trowt. Mit Journalismus, oder zumindest journalistischen Gehversuchen, startete die Plattform erst Monate später. Davor und danach lag: Streit. Streit um die Frage, was denn diese Krautreporter sein sollen und wollen. Streit um die Frage, was wirklich wichtig sein könnte. Streit um die Frage, wie viel Einkünfte aus der Bundesregierungskasse bei einem Schreiber noch kompatibel mit dem versprochenen unabhängigen, journalistischen Anspruch sind. Streitstreitstreit.

Ich hatte vor einem Jahr schon einmal zu den Krautreportern gebloggt, mich und alle anderen gefragt, wie weit bei ihnen Anspruch und Wirklichkeit wohl auseinanderklaffen werden.

Eine der Ankündigungen von damals:

wir wollen aus der GmbH eine Genossenschaft machen

Ich habe nie wieder etwas davon gehört, aber ich habe auch nicht mehr nachgefragt und für diesen Blogpost auch nicht mal mehr nachgegoogelt (Spekulation: vielleicht ist bei den Genossen in Spe auch nur das Interesse erloschen). Dann aber sehe ich dieses Interview bei Zapp mit Sebastian Esser, dem „Herausgeber“ des Krautreporter-Magazins. Und irgendwie muss ich sehr lachen, so traurig ist das.

Frage der Reporterin Caro Ebner: „Vielen fehlt aber tatsächlich sozusagen das Relevante, das, was ihr vorher versprochen habt.“

Die Antwort vom Krautreporter-Boss Sebastian Esser:

„Was ist Relevanz, ja? Ich mein das wirklich nicht kokettierend, sondern – Relevanz kann ja nicht bedeuten, dass die ganze Welt darüber spricht. Sondern für uns ist eben was anderes relevant. Wenn wir zum Beispiel – oh Gott, jetzt muss ich hier ein Beispiel aus dem Hut zaubern – also wenn wir jetzt zum Beispiel gestern einen Artikel dazu veröffentlichen, dass, wenn man dick ist, dass das nicht bedeutet, dass man weniger lang lebt, dann ist das ein wahnsinnig relevantes Thema. Sicherlich nicht so relevant, dass es die zweite Meldung in der Tagesschau wäre, aber das ist auch nicht unser Anspruch. Ich glaube: das wäre auch zu viel verlangt mit den Strukturen und auch der finanziellen Ausstattung die wir hier haben, hat glaube ich niemand erwartet, dass wir jetzt hier der neue Spiegel sind.“

Ich bin gerne bereit, den entsprechenden, anteilig für KR nun bei mir nicht mehr fälligen Jahresbeitrag zu zahlen. Die Kontoverbindungen, bitte – und eine ordnungsgemäße Rechnung…

Was Krautreporter selbst betrifft, fühle mich erinnert an den einzigen Witz aus Alles, Nichts, Oder?!, der sich mir ins Gehirn eingrub. Hugo Egon Balder durfte blödeln: Am Geburtshaus von Hella von Sinnen in Gummersbach habe man ein Schild angebracht. Darauf steht: [Kunstpause..] Köln, 40 Kilometer.


Heute dann, während dieser Blogpost noch etwas vor sich hinschimmelte, schrieb Nochabernichtmehrsorecht-Krautreporter Stefan Niggemeier (Krautreporter-Beiträge: 8. Davon 2015: 3) einen eigenen Blogpost. Der ist mit Sicherheit nur halb so scharf, wie Stefan Niggemeier als Berichterstatter über Krautreporter geschrieben hätte. Aber er wirft das Problem auf, das dann die mangelnde Relevanz mit sich bringt:

Uns trieb die Lust an, ein neues Geschäftsmodell auszuprobieren, aber nicht unbedingt eine gemeinsame redaktionelle Idee.

Tja. Um jemand anderen, mit dem ich dazu telefonierte – kein Krautreporter – und dem ich Anonymität zusagte, zu zitieren:

Selbst wenn ich wohlwollend wäre, was sollte ich sagen?

Alles? Nichts? Oder? Ratlos.

Was darf Satire? Alles, aber doch bitte nicht jetzt.

Ein Flugzeug fliegt gegen einen Berg. Tagelang spekulieren die deutschen Medien. Und dann kommt mehrfach alles ganz anders. Was für eine Steilvorlage.

Doch der fließende Übergang von Verkehrsfliegerflugzeugexperten, Katastrophenexperten, Lufthansaexperten, seelsorgerischen Traumaexperten, Cockpittürexperten und Depressionsexpertenexpertise, er hat Schonzeit.

Wo ist Helmut Dietls Film über die gefälschten Kopilotentagebücher? Wo bleibt die – zwar falsche, aber vorstellbare (siehe Montage) – Feststellung, dass sich Martin Sonneborn als Experte in eilig zusammengekleisterte Sondersendungen einschummelt? Es darf doch auch sonst offenbar jeder überall über alles spekulieren? Jeder alles überall weiterverbreiten, bis hin zu kranken Akten wie den ausführlichen Zitaten aus Krankenakten?

Nein, über Tote und Unglücke macht man in Deutschland einfach keine Witze. Also, auf jeden Fall nicht in der ersten Woche. Heute Show? Wird zur Heute nicht Show. Neues aus der Anstalt? Mal eine Woche später senden. Wer es unbedingt sehen will, kann es online vorher tun. Na dann. Dabei ist es doch gerade Satire, die uns mit dem Holzhammerflorett das Gesehene, Gehörte und Gelesene so unterbreitet, dass wir darüber nachdenken. Wie John Cleese es einmal formulierte: Satire makes people think.

Dieses Land hat ein in meinen Augen seltsames Verhältnis zur Frage, was Satire soll. Wie wird sich wohl Charlie Hebdo an den Germanwings-Absturz heranwagen?

Berichten, was zu berichten ist?

Ein Flugzeug stürzt ab. Menschen sind gestorben, 150 Leben abrupt beendet. Seit heute Mittag die Eilmeldungen aus Frankreich den Fokus vom Besuch des griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras auf den Absturz von Germanwings-Flug 4U 9525 auf sich zogen, ist eine Berichterstattungsmaschine angesprungen, die kaum ein Detail zu erwähnen vergisst. Nur: was ist dabei eigentlich zu erfahren?

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Der kleine Unterschied: Ahnung und Haltung

Journalist. Das kann man in Deutschland einfach so werden: sagen, man ist Journalist. Und dann kann man hoffen, dass jemand das akzeptiert und man damit sein Geld verdienen kann. Ob man vorher als Model gearbeitet hat, einfach nur studiert, Kekse gegessen oder nichts hat: egal. Und das ist richtig so. Andere gehen einen sehr klassischen Weg, studieren ein Fach, volontieren, arbeiten für Medieninstitutionen. Es gibt viele Wege und nicht „den“ einen. Der kleine Unterschied: Ahnung und Haltung weiterlesen

Netzneutralität oder: Wie eine Debatte richtig falsch läuft

Seit Jahren wird über die sogenannte Netzneutralität gestritten. Der offizielle Kern der Debatte ist die Frage: dürfen bestimmte Daten anders im Netz der Netze aka Internet transportiert werden als andere? Und wenn ja, darf dafür mehr Geld verlangt werden? Und wenn auch dieses Bejaht wird: von wem? Vom Endkunden? Vom Anbieter? Von beiden?

Konrad Lischka und Marc-Jan Eumann haben drüben bei netzpolitik.org ihre (medienpolitische) Sicht auf die Debatte aufgeschrieben – 7 Punkte, die es dabei zu beachten gelte. Vielen der Punkte kann ich inhaltlich folgen, regulierungspolitisch sogar den meisten. Aber ich würde bei der Debatte noch einmal ganz vorne ansetzen wollen – und daher noch einmal ein paar Fragen in den Raum werfen.

1.) Wo gibt es derzeit Engpässe im Netz? Im

  1. Backbonenetz und IXPs (Internetaustauschpunkten)
  2. Verteilnetz innerhalb eines Providers.
  3. Endkundennetz ab DSLAM/KVz.

Für 1.1. ist das zumindest hochgradig fragwürdig, solange – wie von Eumann und Lischka angeführt – für beide Seiten kostenneutrale Peering- und nicht Transit-Abkommen („Paid Peering“) geschlossen werden.

Für 1.2. kommt es auf die verbaute Technik der Provider an und auf die Frage, ob CDNs bis zum Verteilnetz liefern können.

Für 1.3 gilt: abhängig von jeweils verfügbarer Technik, Leitung und Kapazität des Switches.

In der Vergangenheit haben sich die Tk-Anbieter immer um klare Antworten gedrückt, wo in ihren Netzen (nicht in ihren Geldbeuteln) denn eigentlich tatsächlich Engpässe seien.

2.) Was soll mit Eingriffen in die Netzneutralität erreicht werden?

  1. Geringere Latenz und höhere Reliabilität für kritische Infrastrukturen (Stromnetz-, Gasnetz-, Wassernetzinfrastruktur, sicherheitskritische Bundeswehr-Kommunikation, Priorisierte Voice-over-IP für Polizei, THW, Feuerwehr etc.)
  2. Geringe Latenz für künftige Bullshitbingo 2.0-4.0-Dienste (Car 2 Car-Kommunikation, Realtime-Logistik, Smart Home, Selftracking)
  3. Geringere Last durch parallele Mehrfachauslieferung identischer Inhalte über komplexe Routingstrukturen hinweg
  4. Geld.

Während 2.1 vielen Menschen nachvollziehbar erscheint, sich allerdings direkt die Frage anschließt, wo die kritischen Infrastrukturen beginnen und wo sie genau enden (ist „Telemedizin“ immer kritisch? Wo ist die Abgrenzung zwischen digital gesteuertem Herzschrittmacher und eHealth-Spaß-Anwendungen wie Selftracking? Hat das etwas im „offenen“ Internet verloren?).

Punkt 2.2 wird in den politischen Debatten gerne angeführt. Allerdings hat mir noch niemand erklären können, welche problematischen Datenmengen es sein könnten, die beispielsweise in Car2Car-Kommunikation anfallen könnten. Hier ist es nicht zuletzt an den Programmierern der Software für eben solche Bereiche, darauf zu achten, dass sie eben keine Realtime-Notwendigkeit vorsehen, die ihnen das Netz auf absehbare Zeit nicht garantieren kann – schon gar nicht bei einem sich bewegenden Objekt. Die Logik muss in weiten Teilen auch künftig am Objekt bleiben und darf über das Netz nur Verbesserungen erfahren. Die grundsätzliche Fahrtüchtigkeit eines Automobils darf eben auch künftig nicht von der Verfügbarkeit des „as a Service“ abhängen – das will niemand haben, und das zu Recht. Auch Container werden nicht jederzeit und überall jede Information über jede Keksdose in ihnen digital abgleichen müssen. Hier kommt es überall nicht auf die Netzneutralität an.

Punkt 2.3 hingegen ist ein überaus valider, da Videoinhalte das Netz doch ordentlich mit Daten vollstopfen. Für jede Übertragung wird – zumindest theoretisch – über die gesamte Strecke, vom Anbieter bis zum Endkunden, jedes Mal die volle Datenmenge ausgeliefert. Broadcasting, das Aussenden eines Signals an viele zugleich, ist im Internetprotokoll als solches nicht wirklich vorgesehen und schon gar nicht etabliert. Fernsehsender und Onlinevideoanbieter versuchen das Problem dadurch zu umgehen, dass sie auf besondere Infrastrukturen setzen: CDNs, Content Delivery Networks, also parallele Netzwerkstrukturen die möglichst nah am Kunden erst ausliefern – wenn denn die Endkundennnetzanbieter sie lassen. Dafür verlangen einige jedoch viel Geld, andere weniger. Vergleichbar datenverkehrsintensiv wie die Fernsehliveevents Tatort oder Fußball ist ansonsten in Deutschland eigentlich nur, wenn Apple mal wieder große Updates für iOS-Geräte rausschiebt. Allerdings dürfte das alles kaum vergleichbar sein mit künftigen 8K-UHD-Videostreams (4320p), die sich bereits heute abzeichnen und mit 995,33 MBit/Sekunde etwas mehr Verkehr verursachen würden als popelige 720p-Youtube-Videos. Wenn denn die Nutzer sich überhaupt entsprechende Endgeräte zulegen und sich dadurch Nachfrage nach diesem Format ergibt, mir persönlich geht die Evolution der Glotzformate etwas zu fix, so dass ich nun erst einmal ein Jahrzehnt abzuwarten plane.

Damit sind wir bei Punkt 4. Im Netz wird eine Menge schnöder Mammon verdient. Aber die Zugangsanbieter sagen: nicht durch uns, wir verdienen viel zu wenig und dann sollen wir für die Kunden auch noch die Netze ausbauen, was richtig viel Geld kostet. Sie haben vor Jahren das Prinzip der Flatrate eingeführt, das von den Kunden akzeptiert wurde: im Rahmen einer Mischkalkulation werden Pauschalbeträge monatlich von den Endkunden entrichtet. Einige Nutzer nutzen sie intensiver, andere weniger. Aber klar ist: die Kunden möchten gerne möglichst schnelle Leitungen für möglichst wenig Geld. Und einige der Dienste, die früher den Telefonanbietern viel Geld eingebracht haben – Telefonieren, SMS – sind heute keine Cashcow mehr, dank VoIP-Telefonie und Instant Messengern, die in der Flatrate-Kalkulation der Anbieter eigentlich bereits mittarifiert sein müssten. Ganz abgesehen davon, dass auch die „klassische“ Telefonie heute in weiten Teilen über „das Internet“ abgewickelt wird, weil die Telekommunikationsanbieter damit selbst Geld sparen können, genau wie ihre Kunden…

[Update: siehe u.a. hierzu auch die kurze Ergänzung des Eumann/Lischka-Textes von Alvar Freude in seinem Blog]

Endkundenzugangsanbieter sagen einem recht offen: eigentlich müssten wir die Preise anheben, damit wir genug Gewinn machen, um schneller ausbauen zu können. Aber dann würden ihnen die Kunden zum Nachbaranbieter weglaufen, der nicht ausbauen will oder erst später und damit derzeit günstiger ist. Der kapitalistische Verbraucher kann schon sehr gemein für die Telekommunikationsunternehmen sein, und sie suchen nun nach alternativen Geldquellen. In Umgehung der Preiserhöhung bei den Flatrates propagieren sie seit einigen Jahren nun bestimmte Qualitätsklassen der Datendurchleitung, und möchten dafür dann gerne mehr Geld – am liebsten vom Endkunden und vom Anbieter. Wenn das beim Endkunden aber nicht geht, weil der sonst wegläuft, dann bleibt der Anbieter. Allerdings muss dann an der Stelle eine andere Frage beantwortet werden:

3. Wie entsteht eigentlich Netzverkehr? Durch

  1. die Diensteanbieter
  2. den Nutzer
  3. Maschinen

3.1. ist nur zu ganz geringen Teilen richtig. Natürlich erzeugen auch die Diensteanbieter selbst Traffic, aber in erster Linie bieten sie eben Inhalte an. Auch wenn das Ideal des Netzes eben darin besteht, dass jeder Nutzer zugleich auch Anbieter ist: de facto ist das ein relativ theoretisches Konstrukt und die wenigsten Endverbraucher kommen auf die Idee, ihren Internetzugang auch zum Anbieten zu nutzen.

3.2. ist hingegen der Hauptteil des heutigen Internetverkehrsaufkommens. Nutzer Hans klickt auf ein Video auf einer Website, die macht daraufhin quasi einen Kanal quer durch das Netz auf und liefert ihm die Daten, die er haben wollte. Ähnliches gilt für alle möglichen Websites: ohne User-Request kein Traffic.

3.3. ist derzeit noch vernachlässigbar, wenn man von Systemupdates absieht. Aber: hier kommt einiges mehr auf uns zu. Noch haben wir Glück und unsere latent dämlichen Staubsaugerroboter legen auf eigene Unterhaltung wenig Wert, aber die Alltagskommunikation von Maschinen wird beträchtlich zulegen. Doch was hat das mit Netzneutralität zu tun? In welchen Bereichen wird M2M wirklich Realtime-kritisch sein?

Ein automatischer digitaler Notruf bei einem Unfall beispielsweise, der Standort, Zeitpunkt und Anzahl der Insassen eines Fahrzeuges sowie ggf. eine hinterlegte Fahrerhandynummer an eine Notrufzentrale meldet, dürfte eine überaus überschaubare Datenmenge funken. Selbst das uralte GSM sollte das jederzeit hinbekommen, vor allem, wenn die Botschaft nach Priorität in mehreren Bausteinen ausgesandt wird: zuerst „Notruf/Standort“, dann „Zeitpunkt“, dann „Zusatzinformationen“. So lange die zuständigen Softwarehersteller hier also vom Netz als oft knapper verfügbarer Ressource her denken und nicht davon ausgehen, dass Autos wie Oberleitungsbusse an Glasfaserkabeln durch die Landschaft rauschen, ist hier kein Problem zu erwarten.

Bliebe die Frage:

4. Haben wir also überhaupt ein Problem?

Ich will es so sagen: Jein.

Für simultane Videoauslieferung von Liveinhalten braucht es mittelfristig eine Lösung, oder es wird eben nur in schlechterer Qualität ausgeliefert als vom Nutzer gewünscht. Hier fehlt es noch an kreativen, guten Ideen, die über klassische CDNs und eine mögliche Peeringregulierung hinausgehen. Eine will ich hier mal entwerfen: Man könnte zum Beispiel DVB-T2-Antennen mit angeschlossenen Caches in den Kabelverzweigern einbauen. Über DVB-T2 wird der sonntägliche Tatort eh abgeliefert und als Content Delivery Network ist ein luftbasiertes Broadcastsignal kaum schlagbar. Und schwupps, wäre viel Last aus dem Netz verschwunden….

Das Problem auf der allerletzten Meile zum Kunden, noch viel zu oft Kupfer, bleibt allerdings weiterhin nicht gelöst. Dort erscheint es mir sinnvoll, dass Kunden nach eigenen Wünschen im Rahmen einer zugesicherten Mindestbandbreite ihre „Quality of Service“-Parameter festlegen können, nach den Wünschen, die sie haben. Dafür könnten sie das Netzabschlussgerät in ihren eigenen vier Wänden konfigurieren: den Router.

Ein Problem aber gibt es natürlich: Wer baut dann die Netze aus, wenn die Telekommunikationsunternehmen zu wenig Geld verdienen, um das zu tun? Wenn ihnen die Anreize fehlen? Ich würde vermuten: Anbieter, die schnelle Leitungen verlegen, Inhalteanbieter und deren CDNs an ihre Verteilnetze peeren lassen, weil ihre Nutzer damit am wenigsten Ruckelei erfahren, und die auch sonst kreative Lösungen für das Broadcastingproblem finden, dürften in der Nutzergunst mittelfristig ganz vorne dabei sein. Und die anderen eben nicht.

Quality of Service und Diensteklassen aber als alternative Geldquelle zum wettbewerbsgestützten Eigentor in der Preiskalkulation der Flatrates bei gleichzeitig zurückgehenden SMS- und Telefonie-Einnahmen erschließen zu wollen, unabhängig von Sinn und Verstand, das erscheint mir fragwürdig und extrem nach „Macht kaputt was Euch kaputt macht“, eine in der Marktwirtschaft hiesiger Prägung überaus ungewöhnliche Einstellung.

Die Netzneutralität über die letzte Meile hinaus einzuschränken, das sollte nach über fünf Jahren, die ich mich damit nun immer wieder intensiv beschäftige, eindeutig den wenigen tatsächlich zeitkritischen Diensten im Bereich von Katastrophenschutz und öffentlicher Ordnung vorbehalten bleiben. Nur wird man für die kaum nennenswerte Geldsummen nehmen dürfen.

Die selbstverschuldete Müdigkeit

Keine Frage: die Digitalisierung greift in viele Leben ein, verändert die Art, wie wir leben, wie wir arbeiten, wie wir miteinander interagieren. Nicht bei allen, nicht alles, nicht überall, nicht gleichzeitig. Aber ich ertappe mich immer häufiger dabei, wie ich denke: „Och ne, jetzt kommt schon wieder einer, der die Debatten gerne bei Null beginnen will.“ Die selbstverschuldete Müdigkeit weiterlesen

Wiederholung: Der Pixibuchfriedenspreisträger

Aus einem Grund, den ich nicht kenne, dem ich aber auch gar nicht erst nachgeforscht habe, ist dieser Kommentar von mir vom 05.06.2014 nicht mehr bei DLF/DKultur online. Macht aber nix, denn für die Dauerhaftigkeit gibt es jenseits der öffentlich-rechtlichen Depublikationswelt ja auch noch Platz im Internet.

Daher der Hinweis: Sie lesen nun eine Wiederholung vom 05.06.2014, als bekannt wurde, dass Jaron Lanier den „Friedenspreis des deutschen Buchhandels“ erhält. Man bat mich um einen Kommentar. Aufgrund diverser Hörer- und Leserbriefe der vergangenen Monate vorab zur Erläuterung: das Genre Kommentar enthält Meinung und unterscheidet sich damit vom Bericht.

Kommentar: Der Pixibuchfriedenspreisträger

Es ist eine erstaunliche und enttäuschende Wahl, die die Jury des Börsenvereins des deutschen Buchhandels getroffen hat, als sie Jaron Lanier zum Friedenspreisträger erkor. Zum Jahrestag der Snowden-Enthüllungen hätte es viele gegeben, die in der Debatte um den Umgang mit dem digitalen Wandel den Friedenspreis verdient hätten. Man denke an brilliante Autoren wie Daniel Suarez, dessen düstere Szenarien zwischen einem realistischen heute und einem oft nur all zu nah wirkenden Morgen mäandern, voller Drohnen und sogenannter künstlicher Intelligenz. Man denke an intellektuell herausfordernde Geister wie Evgeny Morozov, die Gedanken zur Realität des Digitalen Aspekts einer prädigital geprägten Welt publizieren. Doch die Jury entschied sich für einen Krawallmacher, einen Schreihals, dessen größte Leistung in der Popularisierung des Begriffes Virtuelle Realität steckt – und damit der Irreführung der potenziellen Getrenntheit der Welten.

Lanier war seinerseits bereits in die Realität der Unbedeutsamkeit entschwunden, bis er vor einigen Jahren fast saulusgleich die Bühne wieder betrat, um fortan als digitaler Paulus, doch leider bloß vordergründig kritisch, in Frage zu stellen, was er und seine Zeitgenossen einst predigten: naiven Fortschrittsglauben. Auf offene Ohren und Unterstützung stieß er damit bei jenen, die das Digitale nun für Teufelszeug hielten – vor allem, weil sie ihre Interessen bedroht sahen. So wie, das sei angemerkt, der Buchhandel, der die Digitalisierung komplett verschlief. Nicht nur dort erfreute, was Lanier äußerte: Dass Wikipedia nicht perfekt ist. Dass internationale Firmen mächtig sind und Macht gefährlich sein kann. Dass das Netz auch missbraucht werden kann. Laniers Kritik ist oft so banal, dass sie in Pixibüchern bestens aufgehoben wäre.

Doch Lanier ist Protagonist eben jener Generation, die der Menschheit den digitalen Segen versprochen hat, ohne ihn rechtzeitig und gewissenhaft zu hinterfragen und Fehlentwicklungen zu korrigieren, als es noch einfach gewesen wäre. Nichts zeigt dies so deutlich wie der Jahrestag der ersten Veröffentlichung der Snowden-Dokumente. Dass auf den Spähskandal bis heute politisch wie gesellschaftlich kaum befriedigende Antworten gefunden wurden, liegt nicht nur, aber auch an Menschen wie Lanier. Einen wie ihn mit dem Friedenspreis des Buchhandels zu ehren, dürfte ähnlich klug sein, wie Barack Obama den Friedensnobelpreis zu verleihen.