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Fragen an die Krautreporter

Durchblick
Manchmal möchte man das Glas heben und gratulieren. Und manchmal fällt das schwerer.

Eigentlich wäre es nun Zeit, fröhlich zu sein. Denn es könnte sein, dass es demnächst eine die öffentlichen Debatten bereichernde Plattform im Netz gibt, für die einige gute Journalisten Inhalte herbeirecherchieren. Beiträge und Reportagen, für die Telefonhörer benutzt, vielleicht gar staubige Archive oder Orte des Geschehens aufgesucht wurden. Und eine Plattform, die vielleicht auch neue Wege geht, wenn es um die Einbeziehung ihrer (zahlenden) Nutzer geht.

Einige der journalistischen Kollegen kenne ich persönlich, manche auch besser. Einige der Namen stehen für journalistisch gute Qualität, wie Stefan Niggemeier im Medienjournalismus, Jens Weinreich im Sportjournalismus oder Thomas Wiegold im Bereich der Sicherheits- und Verteidigungspolitik.

Aber ich bin nicht fröhlich. Sondern momentan eher skeptisch. Ich habe in den vergangenen Wochen zugeschaut, wie sich Krautreporter macht. Meine Skepsis liegt dabei nicht – oder nur in geringem Maße – im journalistischen, sondern vorwiegend im organisatorisch-kaufmännischen Bereich des Krautreporter-Projekts. Um zu klären, dass wir über das Selbe sprechen, vorweg: ein Aufdröselversuch.

Krautreporter hat eine Dienstleistung versprochen: journalistische Inhalte, kredenzt über das Internet. Kostenpunkt: ab 60 EUR / Jahr, wer will, darf mehr zahlen. Die Firma hinter der Dienstleistung namens Krautreporter ist eine GmbH. Und die ist mehr als ein Jahr alt, hat aber noch keine Bilanz veröffentlicht. Daher hier ein Blick auf sie.

Die Krautreporter GmbH

Krautreporter war in der Vergangenheit (Gründung 17.01.2013 bis zum Start des „Magazinprojektes“) eine Plattform, auf der Journalisten um Crowdfunding für ihre individuellen Projekte bitten konnten. Die Betreiberin hat dann 5 Prozent der Summe als Provision genommen – Berichten zu Folge wurden 47 Projekte erfolgreich durchgeführt, im Schnitt 4000 Euro sollen sie gebracht haben. Fünf Prozent davon gingen als Provision an die Krautreporter GmbH. Dieses Geschäft ist zumindest vorläufig eingestellt. Die Krautreporter GmbH hat einen einzigen Gesellschafter: den „Gründer“ und Geschäftsführer Sebastian Esser.

Fünf Prozent von 47 x 4.000 EUR = 9.400 EUR. So ‚viel‘ hätte dann die Krautreporter GmbH in ihrem Bestehen eingenommen. Wie viele Ausgaben sie hatte, wissen wir nicht. Die Annahme, dass sie Verlust gemacht hat, ist angesichts dieser berichteten Einnahmengröße nicht gerade absurd. Eine öffentlich zugängliche Bilanz gibt es aber bis dato nicht, sie muss auch erst spätestens zum 31.12.2014 beim Bundesanzeiger hinterlegt sein.

Doch den Vertrag, den haben die Kunden, die Krautreporter – das Magazin lesen wollen, überraschenderweise nicht mit der Krautreporter GmbH, auch wenn überall Krautreporter draufsteht. Sondern mit der:

Sparker UG

Die Sparker UG, gegründet am 07.01.2014, hat zwei Gesellschafter: Sebastian Esser, den Gesellschafter/Geschäftsführer der Krautreporter GmbH – und Christoph Beck, Geschäftsführer einer Softwareentwicklungsfirma namens Bitcrowd GmbH. Die hat laut Krautreporter-Website für Krautreporter – das Magazin die Software zum Geldeinsammeln entwickelt.

Laut Auskunft des sich selbst als zukünftigen Geschäftsführer des Konstruktes vorstellenden Philipp Schwörbel verhält es sich so:

Die Krautreporter GmbH hat für die Crowdfunding-Phase die Sparker UG beauftragt, als Dienstleister den ganze Crowdfunding-Prozess technisch abzuwickeln. Tatsächlich ist das aktuelle Krautreporter Crowdfunding das erste Modell-Projekt der Sparker UG

Die Sparker UG hat mehr als 15.000 Zusagen für 60 Euro, also mehr als 900.000 Euro. Eine durchaus stolze Summe.

Schwörbel soll zukünftig der Geschäftsführer des „neuen“ Krautreporter sein. So schreibt er es selbst. Er betreibt seit drei Jahren das im Modell nicht ganz unähnliche Lokalnachrichtenportal „Prenzlauer Berg Nachrichten„. Offiziell läuft dieses unter dem Dach der

ACTA URBIS Stadtteilzeitungen GmbH

Ich will nicht zu sehr ins Detail gehen, aber laut dem, was sich finden ließ, ist auch diese wirtschaftlich kein Erfolgsmodell. Auszug aus den Passiva des Unternehmens:

ACTA URBIS
Stadtteilzeitungen GmbH
2010 2011 2012
A. Eigenkapital 14.874,86 €                  –   €                  –   €
I. Gezeichnetes Kapital     25.000,00 €     25.000,00 €    25.000,00 €
II. Verlustvorträge     10.125,14 €     46.674,47 €    58.769,50 €
III. Nicht gedeckter Fehlbetrag     21.674,47 €    33.769,50 €

Die Bilanz 2013 ist bislang nicht hinterlegt worden, aber ich sehe keinen Grund, warum die Bilanz besser aussehen sollte.

Ein Stapel Fragen

Was mich dann jenseits dieser Projekte mit finanziell überschaubarem (ähem) Erfolg und auf mich überraschend wirkenden Konstrukten stört, ist die Kommunikation, was denn Krautreporter am Ende sein soll.

  • Es wird teils von „Spenden“ gesprochen/geschrieben. Es ist aber eine Dienstleistung in Form eines Abonnements, die angeboten wird.
  • Es wird davon gesprochen, dass die Krautreporter GmbH vielleicht in eine Genossenschaft umgewandelt werden soll. Eine Genossenschaft? Wer ist Genosse, wird Genosse, warum und wie?
  • Ist die Krautreporter GmbH schuldenfrei? (Laut Sebastian Essers Antwort auf einen Tweet von mir: ja, aber die Bilanz ist noch nicht da)
  • Welche Werte liegen denn überhaupt derzeit bei der Krautreporter GmbH? Die Software gehört ja wohl der Sparker UG…
  • Wie sieht der Vertrag zwischen der Krautreporter GmbH und der Sparker UG aus? Wird eine Provision an die Sparker UG fällig? Wenn ja, wie hoch ist sie?
  • Hat irgendjemand derjenigen, die für Krautreporter mit ihrem Namen und Gesicht geworben haben, irgendein rechtlich abgesichertes Mitspracherecht – mit Ausnahme von Sebastian Esser?

Das alles gesagt habend nun zum eigentlichen Punkt dieses länglichen Beitrages:

Ich hoffe, ihr habt Euch abgesichert und in die Bücher und Gesellschaftsverträge geschaut, liebe Journalistenkollegen, die ihr da „mitmacht“ und mit Eurem Ruf für dieses Projekt steht.

Ich finde es mindestens schade, dass das alles überhaupt nicht transparent gestaltet ist. Dass es nicht den Ansprüchen genügt, die „Ihr“ (also die Journalisten, die ich kenne) selbst stellt. Dass jede Information dazu scheibchenweise rausgekitzelt werden muss. Dass meine Synapsen, wenn ich über Krautreporter schreibe, mir dauernd „FIFA“ oder „DDVG“ zurufen. Auch wenn ihr viel kleiner seid.

Jenseits dieser meiner nun in Textform gebrachten Bauchschmerzen wünsche ich Euch natürlich von Herzen viel Erfolg beim guten Journalismus im Netz.