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Die nächste Europäische Regierung: Kollektives Medienversagen

Seit Montag nun singen sie vor, die Kommissarspostenbewerber in Brüssel. Etwa drei Stunden lang werden sie in einer einfachen Reihenfolge von den Europaparlamentariern gegrillt: Fünf Minuten Eingangsstatement, dann eine Minute für die Frage des Parlamentariers, zwei Minuten für die Antwort des Kandidaten, keine Pause bis zum Schluss. Dann letzte Worte des Kandidaten, vier bis fünf Minuten Abschlussstatement, das wars. Ein Format, das die Bundesrepublik nicht kennt, das es aber in sich hat und durchaus mediengerecht ist. Und das die deutschen Medien aber offenbar weitgehend nicht interessiert.

Das Bild oben zeigt Screenshots von faz.net, sueddeutsche.de, zeit.de, bild.de, spiegel.de. Jeweils die Politikrubrik, also schon Klicktiefe 1. Einzig zeit.de hat einen Text – zum gleich anstehenden spanischen Kandidaten. Mindestens genau so bemerkenswert: Sender wie Phoenix, ZDFinfo oder Tagesschau24 übertragen die Anhörungen gar nicht erst. Es bleibt allein der Stream des EBS.

Nein, Europa ist nicht alleine Schuld daran, dass es bis heute nicht einmal ansatzweise eine europäische Öffentlichkeit gibt. Auch die Medien tragen eine Verantwortung für abstrakte Europabilder. Wer jemals gesehen hat, wie die designierte Regionalkommissarin zur Karpatenstrategie und zur Kontrolle der (üppigen) Mittel ihres Ressorts gefragt wird, der Digitalkommissar zu Websperren in Frankreich und die Justizkommissarin zur Romadiskriminierung auch in ihrem Heimatland, der weiß: die EU ist zwar ein Gebilde mit eigenartigem Sprachgebrauch. Aber sie ist keineswegs nur das oft beschriene Bürokratiemonster.

Weshalb ich dem nächsten Kommentator, der wohlfeil in genau diesen Medien einen Mangel an Verständnis für die EU beklagt einfach nur herzlich auslachen werde. Unser Job als Journalisten ist es, den Menschen die Welt und ihre Fehler zu schildern, zu erklären und sie somit greifbar zu machen. Sie in die Lage zu versetzen, möglichst kompetent eigene Urteile zu fällen. Das geht aber nur, wenn wir diesen Job auch machen.