Fragen an die Krautreporter

Durchblick

Manchmal möchte man das Glas heben und gratulieren. Und manchmal fällt das schwerer.

Eigentlich wäre es nun Zeit, fröhlich zu sein. Denn es könnte sein, dass es demnächst eine die öffentlichen Debatten bereichernde Plattform im Netz gibt, für die einige gute Journalisten Inhalte herbeirecherchieren. Beiträge und Reportagen, für die Telefonhörer benutzt, vielleicht gar staubige Archive oder Orte des Geschehens aufgesucht wurden. Und eine Plattform, die vielleicht auch neue Wege geht, wenn es um die Einbeziehung ihrer (zahlenden) Nutzer geht.

Einige der journalistischen Kollegen kenne ich persönlich, manche auch besser. Einige der Namen stehen für journalistisch gute Qualität, wie Stefan Niggemeier im Medienjournalismus, Jens Weinreich im Sportjournalismus oder Thomas Wiegold im Bereich der Sicherheits- und Verteidigungspolitik.

Aber ich bin nicht fröhlich. Sondern momentan eher skeptisch. Ich habe in den vergangenen Wochen zugeschaut, wie sich Krautreporter macht. Meine Skepsis liegt dabei nicht – oder nur in geringem Maße – im journalistischen, sondern vorwiegend im organisatorisch-kaufmännischen Bereich des Krautreporter-Projekts. Um zu klären, dass wir über das Selbe sprechen, vorweg: ein Aufdröselversuch.

Krautreporter hat eine Dienstleistung versprochen: journalistische Inhalte, kredenzt über das Internet. Kostenpunkt: ab 60 EUR / Jahr, wer will, darf mehr zahlen. Die Firma hinter der Dienstleistung namens Krautreporter ist eine GmbH. Und die ist mehr als ein Jahr alt, hat aber noch keine Bilanz veröffentlicht. Daher hier ein Blick auf sie.

Die Krautreporter GmbH

Krautreporter war in der Vergangenheit (Gründung 17.01.2013 bis zum Start des „Magazinprojektes“) eine Plattform, auf der Journalisten um Crowdfunding für ihre individuellen Projekte bitten konnten. Die Betreiberin hat dann 5 Prozent der Summe als Provision genommen – Berichten zu Folge wurden 47 Projekte erfolgreich durchgeführt, im Schnitt 4000 Euro sollen sie gebracht haben. Fünf Prozent davon gingen als Provision an die Krautreporter GmbH. Dieses Geschäft ist zumindest vorläufig eingestellt. Die Krautreporter GmbH hat einen einzigen Gesellschafter: den „Gründer“ und Geschäftsführer Sebastian Esser.

Fünf Prozent von 47 x 4.000 EUR = 9.400 EUR. So ‚viel‘ hätte dann die Krautreporter GmbH in ihrem Bestehen eingenommen. Wie viele Ausgaben sie hatte, wissen wir nicht. Die Annahme, dass sie Verlust gemacht hat, ist angesichts dieser berichteten Einnahmengröße nicht gerade absurd. Eine öffentlich zugängliche Bilanz gibt es aber bis dato nicht, sie muss auch erst spätestens zum 31.12.2014 beim Bundesanzeiger hinterlegt sein.

Doch den Vertrag, den haben die Kunden, die Krautreporter – das Magazin lesen wollen, überraschenderweise nicht mit der Krautreporter GmbH, auch wenn überall Krautreporter draufsteht. Sondern mit der:

Sparker UG

Die Sparker UG, gegründet am 07.01.2014, hat zwei Gesellschafter: Sebastian Esser, den Gesellschafter/Geschäftsführer der Krautreporter GmbH – und Christoph Beck, Geschäftsführer einer Softwareentwicklungsfirma namens Bitcrowd GmbH. Die hat laut Krautreporter-Website für Krautreporter – das Magazin die Software zum Geldeinsammeln entwickelt.

Laut Auskunft des sich selbst als zukünftigen Geschäftsführer des Konstruktes vorstellenden Philipp Schwörbel verhält es sich so:

Die Krautreporter GmbH hat für die Crowdfunding-Phase die Sparker UG beauftragt, als Dienstleister den ganze Crowdfunding-Prozess technisch abzuwickeln. Tatsächlich ist das aktuelle Krautreporter Crowdfunding das erste Modell-Projekt der Sparker UG

Die Sparker UG hat mehr als 15.000 Zusagen für 60 Euro, also mehr als 900.000 Euro. Eine durchaus stolze Summe.

Schwörbel soll zukünftig der Geschäftsführer des „neuen“ Krautreporter sein. So schreibt er es selbst. Er betreibt seit drei Jahren das im Modell nicht ganz unähnliche Lokalnachrichtenportal „Prenzlauer Berg Nachrichten„. Offiziell läuft dieses unter dem Dach der

ACTA URBIS Stadtteilzeitungen GmbH

Ich will nicht zu sehr ins Detail gehen, aber laut dem, was sich finden ließ, ist auch diese wirtschaftlich kein Erfolgsmodell. Auszug aus den Passiva des Unternehmens:

ACTA URBIS
Stadtteilzeitungen GmbH
2010 2011 2012
A. Eigenkapital 14.874,86 €                  –   €                  –   €
I. Gezeichnetes Kapital     25.000,00 €     25.000,00 €    25.000,00 €
II. Verlustvorträge     10.125,14 €     46.674,47 €    58.769,50 €
III. Nicht gedeckter Fehlbetrag     21.674,47 €    33.769,50 €

Die Bilanz 2013 ist bislang nicht hinterlegt worden, aber ich sehe keinen Grund, warum die Bilanz besser aussehen sollte.

Ein Stapel Fragen

Was mich dann jenseits dieser Projekte mit finanziell überschaubarem (ähem) Erfolg und auf mich überraschend wirkenden Konstrukten stört, ist die Kommunikation, was denn Krautreporter am Ende sein soll.

  • Es wird teils von „Spenden“ gesprochen/geschrieben. Es ist aber eine Dienstleistung in Form eines Abonnements, die angeboten wird.
  • Es wird davon gesprochen, dass die Krautreporter GmbH vielleicht in eine Genossenschaft umgewandelt werden soll. Eine Genossenschaft? Wer ist Genosse, wird Genosse, warum und wie?
  • Ist die Krautreporter GmbH schuldenfrei? (Laut Sebastian Essers Antwort auf einen Tweet von mir: ja, aber die Bilanz ist noch nicht da)
  • Welche Werte liegen denn überhaupt derzeit bei der Krautreporter GmbH? Die Software gehört ja wohl der Sparker UG…
  • Wie sieht der Vertrag zwischen der Krautreporter GmbH und der Sparker UG aus? Wird eine Provision an die Sparker UG fällig? Wenn ja, wie hoch ist sie?
  • Hat irgendjemand derjenigen, die für Krautreporter mit ihrem Namen und Gesicht geworben haben, irgendein rechtlich abgesichertes Mitspracherecht – mit Ausnahme von Sebastian Esser?

Das alles gesagt habend nun zum eigentlichen Punkt dieses länglichen Beitrages:

Ich hoffe, ihr habt Euch abgesichert und in die Bücher und Gesellschaftsverträge geschaut, liebe Journalistenkollegen, die ihr da „mitmacht“ und mit Eurem Ruf für dieses Projekt steht.

Ich finde es mindestens schade, dass das alles überhaupt nicht transparent gestaltet ist. Dass es nicht den Ansprüchen genügt, die „Ihr“ (also die Journalisten, die ich kenne) selbst stellt. Dass jede Information dazu scheibchenweise rausgekitzelt werden muss. Dass meine Synapsen, wenn ich über Krautreporter schreibe, mir dauernd „FIFA“ oder „DDVG“ zurufen. Auch wenn ihr viel kleiner seid.

Jenseits dieser meiner nun in Textform gebrachten Bauchschmerzen wünsche ich Euch natürlich von Herzen viel Erfolg beim guten Journalismus im Netz.

  13 comments for “Fragen an die Krautreporter

  1. 15. Juni 2014 at 11:00

    Hallo Falk,
    gern beantworte ich Deine Fragen:

    – „Es wird teils von “Spenden” gesprochen/geschrieben. Es ist aber eine Dienstleistung in Form eines Abonnements, die angeboten wird.“
    Wir selbst sprechen grundsätzlich nicht von Spenden. Jedem, der Crowdfunding betreibt, begegnet dieses Problem immer wieder. Der Begriff ist aus vielerlei Gründen falsch. 1. bekommen unsere Unterstützer eine Gegenleistung. 2. sind wir nicht gemeinnützig und wollen es auch nicht sein. Mehr zu dieser Diskussion zum Beispiel hier: http://medialdigital.de/2013/06/03/ist-crowdfunding-nur-ein-anderes-wort-fur-spenden/

    – „Es wird davon gesprochen, dass die Krautreporter GmbH vielleicht in eine Genossenschaft umgewandelt werden soll. Eine Genossenschaft? Wer ist Genosse, wird Genosse, warum und wie?“
    Ja, wir wollen aus der GmbH eine Genossenschaft machen. Dadurch würden wir unseren Unterstützern und den Autorinnen und Autoren ermöglichen, sich als Genossen am Unternehmen und damit langfristig auch an möglichen Gewinnen zu beteiligen. Für Krautreporter würde das Modell eine stabilere finanzielle und rechtliche Basis bedeuten – Vorbild: die Taz-Genossenschaft. Wie Du sicher weißt, ist es nicht so ganz einfach, eine Genossenschaft zu gründen. Deswegen haben wir diesen Plan nicht in den Mittelpunkt gestellt, denn wir können nicht garantieren, dass nicht eventuell noch etwas schief gehen könnte damit. Eine Beteiligung an einer Genossenschaft wäre natürlich – schon aus rechtlichen Gründen – ein vom Crowdfunding unabhängiger Prozess. Wir wollen das so schnell wir möglich tun. Wie lang es dauert und wie genau es ablaufen wird, finden wir gerade heraus und werden über den Stand immer wieder informieren.

    – „Ist die Krautreporter GmbH schuldenfrei? (Laut Sebastian Essers Antwort auf einen Tweet von mir: ja, aber die Bilanz ist noch nicht da)“
    Die Antwort habe ich ja schon gegeben – da Du trotzdem nochmal fragst und damit suggerierst, das könnte Quatsch sein, muss ich davon ausgehen, dass Dir meine klare Aussage nicht ausreicht. Da kann ich Dir im Moment aber nicht weiterhelfen. Wir werden keine Kontoauszüge ins Netz stellen oder etwas ähnliches.

    – „Welche Werte liegen denn überhaupt derzeit bei der Krautreporter GmbH? Die Software gehört ja wohl der Sparker UG…“
    Sparker ist eine neue Crowdfunding-Plattform, die wir seit Längerem als Software-Ersatz und Weiterentwicklung der bisherigen Open-Source-Software („Catarse“) der Crowdfunding-Plattform Krautreporter entwickelt haben. Daran ist gar nichts außergewöhnlich. Es verhält sich so, als ob Krautreporter zum Beispiel ein Projekt bei Kickstarter wäre. Die Werte in der Krautreporter GmbH sind immateriell – was sie allerdings nicht weniger wertvoll macht.

    – „Wie sieht der Vertrag zwischen der Krautreporter GmbH und der Sparker UG aus? Wird eine Provision an die Sparker UG fällig? Wenn ja, wie hoch ist sie?“
    Krautreporter bezahlt Sparker keine Provision – 5 Prozent sind sonst üblich – weil ich zu den Mitgesellschaftern von Sparker gehöre. Das Geld fließt direkt an Krautreporter, aus rechtlichen Gründen allerdings über den Umweg des Sparker-Accounts bei Stripe und Paypal. Sparker hat zu keinem Zeitpunkt Zugriff auf das Geld (dazu würde eine Bankenlizenz benötigt).

    – „Hat irgendjemand derjenigen, die für Krautreporter mit ihrem Namen und Gesicht geworben haben, irgendein rechtlich abgesichertes Mitspracherecht – mit Ausnahme von Sebastian Esser?“
    Aus praktikablen Gründen sind die Mitgründer Philipp Schwörbel und Alexander von Streit noch keine Mitgesellschafter, ebenso wenig die Autorinnen und Autoren. Dass sich alle auf mein Wort verlassen, spricht für unser Team und den Willen zum schnellen, entschlossenen Machen. Nebenbei: Für mich ist die Verantwortung ziemlich hoch und in schwachen Momenten nicht besonders angenehm.

    Ich hoffe, das beantwortet Deine Fragen, die ich für berechtigt und interessant halte, die wir an vielen Stellen aber auch schon genau so beantwortet haben – insofern kann von Intransparenz keine Rede sein. Erlaube mir bitte aber die Bemerkung, dass ich es sehr merkwürdig finde, mit der FIFA verglichen zu werden, und nicht ganz fair, dass Du insgesamt prophylaktisch den Eindruck erweckst, Krautreporter wäre irgendwie ein krumme Nummer, ohne unsere Antworten abzuwarten.

    • fsteiner
      15. Juni 2014 at 11:35

      Hallo Sebastian Esser,

      herzlichen Dank für die schnellen Antworten.

      Dass sie mich nicht vollständig zufriedenstellen, liegt auf der Hand, aber ich bin dankbar für die Aufklärung dort, wo mir jetzt Dinge klarer sind.

      Am Ende bleibt aber offenbar: alles hängt an einer Person (Ihnen), und der Frage, ob man ihr und ihren Geschäften vertraut. Da ich mich nicht dran erinnern kann, dass wir uns kennen würden, ist es bei mir mit dem Vertrauen offensichtlich anders als bei einigen Kollegen. Ich jedenfalls habe dazu keinen objektiven Grund, insofern müssen Sie wohl mit meiner Skepsis vorerst leben.

      Ich sehe – nebenbei bemerkt – auch nichts ehrenrühriges daran, die Fragen, die ich habe, öffentlich zu stellen und damit eine unmittelbar öffentliche Antwort zu provozieren.

  2. Danijel Visevic
    15. Juni 2014 at 13:01

    Hallo Falk,

    vielen Dank für Deine Fragen, sie sind gut und berechtigt, und auch wenn Sebastian sie schon häufiger beantwortet hat, ist es mehr als okay, dass Du sie nochmal sauber strukturiert vorträgst.

    Oben schreibst Du fettgedruckt, Du hoffst, dass wir Autoren uns abgesichert haben und uns die Gesellschaftsverträge und Bücher angeschaut haben. Ich hätte es ausgiebig tun können, habe mir diese Mühe aber ehrlich gesagt nur ansatzweise gemacht. Ja, es hat tatsächlich etwas mit Vertrauen zu tun, mit großem Vertrauen, das Sebastian übrigens auch in uns Autoren hat: Einige von uns haben Zugang zu seinen Email-Accounts, weil er uns bat, Fragen von KR-Mitgliedern zu beantworten (alleine gestern rund 500 Emails). Das Vertrauen beruht daher auf Gegenseitigkeit und es ist groß.
    Nichtsdestotrotz sind einige Fragen noch nicht abschließend beantwortet, auch für uns Autoren nicht, zum Beispiel die Fragen zur Genossenschaft. Hier prüfen wir derzeit gemeinsam ausgiebig und machen uns so schlau wie möglich, damit wenn es zur Umwandlung zur Genossenschaft kommt, möglichst wenige Fragen offen bleiben. Gebt uns bitte etwas Zeit. Vielen Dank!
    Allerbeste Grüße und wünsche auch an Dich
    Danijel

  3. Struppi
    15. Juni 2014 at 14:32

    Also ich finde es eher merkwürdig, dass ständig im Netz „Fragen“ in den Raum gestellt werden, die eine unlautere Absicht suggerieren, ohne an die betroffenen Personen heranzutreten. Gehört es heutzutage nicht mehr zum Journalismus, dass man Fragen vorher recherchiert, bevor sie in einem Artikel veröffentlicht werden?

    Ich hoffe die Krautreporter arbeiten anders.

    Das ein so ehrgeiziges Projekt die nicht zu 100% durchstrukturiert ist, finde ich völlig normal. Im gegenteil, wenn alles 100% stimmen würde, wäre es eher verdächtig, denn dann würde ich Geschäftsleute dahinter vermuten, denen es u.U. nur um den Profit geht. Das in manchen Bereichen amateurhafte macht dieses Projekt erst symphatisch.

    Ich bin „nur Leser“ und mir sind einige der Beteiligten von Krautreporter immer wieder positiv aufgefallen, daher hoffe ich, dass dieses Projekt gelingt und ich diese Autoren (und andere) unter „einem Dach“ lesen kann. Ich finde es sehr schade, dass dieses Projekt von vielen (die ich z.T. grossteil vorher nicht wahrgenommen habe) mit solcher vehemmenz niedergeredet wird.

    • fsteiner
      15. Juni 2014 at 16:20

      Gehört es heutzutage nicht mehr zum Journalismus, dass man Fragen vorher recherchiert, bevor sie in einem Artikel veröffentlicht werden?

      Wieso sollte ich meine Fragen nicht hier und damit öffentlich stellen? Gibt es dafür irgendeinen sachlichen Grund? Dass ich vorher recherchiert habe, kann man mir zwar versuchen abzusprechen, aber ich denke mal, der Text spricht da für sich. Das waren nach meiner Recherche die Fragen, die ich gern öffentlich beantwortet sehen wollte, das ist hier geschehen und jeder kann sich selbst seinen Reim drauf machen.

    • 20. Juni 2014 at 11:51

      „Das ein so ehrgeiziges Projekt die nicht zu 100% durchstrukturiert ist, finde ich völlig normal. Im gegenteil, wenn alles 100% stimmen würde, wäre es eher verdächtig, denn dann würde ich Geschäftsleute dahinter vermuten, denen es u.U. nur um den Profit geht. Das in manchen Bereichen amateurhafte macht dieses Projekt erst symphatisch.“

      Schwer dafür Worte zu finden. Es geht um 1 Million Euros, ich möchte nicht wirklich, dass „Amateure“ (ja, ich erkenne die leichte Übertreibung) mit dem Geld von 15.000 Menschen ohne Wissen herumexperimentieren. Und nochmals, es geht um 1 Million Euros – wenn das Projekt nicht zu 100% durchstrukturiert ist, dann weiß ich auch nicht.

  4. Roland Thele
    15. Juni 2014 at 18:44

    (1) @Sebastian Esser (@krautreporter)

    Neben den von Falk Steiner aufgeworfenen wichtigen Punkten gibt es noch einen weiteren Aspekt, bei dem Krautreporter sich von Anfang an gewunden hat, konkrete Fragen nachvollziehbar zu beantworten: Große (drei-) vier- und fünfstellige anonyme Zuwendungen.

    Bereits am 13. Mai hat Jonathan Sachse den bei Krautreporter verbuchten Einzelbetrag von 10.000€ von einem anonymen User namens ‚Settembrini‘ hinterfragt.
    Die Krautreporter-Antwort lautete: „Nein, die Klarnamen veröffentlichen wir nicht. Manche Unterstützer wollen anonym bleiben. Große Unterstützung von Firmen oder Institutionen würden [wir] veröffentlichen.“

    twitter.com/jsachse/status/466184760281559040

    Daniel Drepper und ich kritisierten dies als intransparent, und bohrten weiter nach, was denn für euch eine große Zuwendung („Großspende“) sei, und wie ihr Transparenz herstellen wollt. Schliesslich könnten Business Angels, die großen Corporationen zuzuordnen sind, auch als Privatspender auftreten. Corporationen, die möglicherweise bereits in einem geschäftlichen Verhältnis zu euren Rennpferden stehen.
    Eure Antwort kam erst am 25. Mai: „Großspende ist alles über 10erpack (550 Euro). Unabhängiger Ombudsmann.“

    twitter.com/Assowaum/status/470522682250117120

    Zurück zum 13.Mai. Wie eure erste Reaktion auf Simon Hurtz‘ Frage verdeutlicht, war damals auch noch nicht klar, dass später große Beiträge im Sinne einer Paketlösung dabei helfen würden, die Zahl der „Mitgliedschaften“ über die Zielmarke von 15.000 zu katapultieren.

    twitter.com/SimonHurtz/status/466185568893009920

    Erst am 3.Juni -zu diesem Zeitpunkt waren bei Ablauf von fast zwei Drittel der Zeit weniger als die Hälfte der 900.000€ zusammengekommen- bestätigte Philipp Schwörbel, dass die Zahl der erworbenen Mitgliedschaften „bei großen Summen individuell geklärt“ werden müsste, „weil es ja keine entsp. Prämie gibt.“

    twitter.com/SimonHurtz/status/473857945147834368

    Fünf Tage später, als ein Scheitern immer wahrscheinlicher schien, folgten dann die großen Paketangebote.

    Ergo, man hielt sich lange Zeit über schwammige Formulierungen so bedeckt wie möglich und spekulierte darauf, dass die Zielmarke „900.000€ und 15.000 Mitglieder“, wenn es eng würde, auch durch den Winkelzug „Einzelperson kauft ‚individuell geklärte‘ Zahl von Mitgliedschaften“ zu erreichen sei. Die Rabattierung bei der gut getimeten Augstein-„Infusion“ (1000 Mitgliedschaften für nur 50.000€) half dabei zusätzlich, den Mitgliederzähler in psychologisch wichtige Sphären zu liften.

    Nele Heise hat die größeren Geldbeträge, die an euch gingen, hier mal aufgelistet:

    docs.google.com/spreadsheets/d/1Cqrjux7OeLO3GKsUKuk3i8IZtBa3nIccYTBqrZdgwIY/edit#gid=0

    Neben den hohen Beträgen von etwa 60.000€ aus dem Geldbeutel von bekannten Medienunternehmern, gibt es weitere knapp 50.000€, die nicht zugeordnet werden können.

    Unter diesen anonymen 50.000€ befinden sich offenbar auch 1650€ von einem User „Holger_Kreymeier“. Nun stellt sich heraus, dass der echte Holger Kreymeier, Geschäftsführer des Satiremagazin ‚fernsehkritik.tv‘ an diesem Crowdfunding gar nicht teilgenommen hat.

    twitter.com/fernsehkritiktv/status/477840728048271361

    Es kommt noch besser: Der anonyme „Spassvogel“ benutzte offenbar nicht nur den Namen, sondern auch die E-Mail-Adresse Kreimeyer’s.

    twitter.com/fernsehkritiktv/status/478110654852005888

    Eigentlich ein Vorgang, der die Empfängerseite sehr beunruhigen sollte. Aber Pustekuchen – eine offizielle Reaktion der Verantwortlichen bei Krautreporter zu diesem Täuschungsversuch liegt auch einen Tag nach diesem Tweet noch nicht vor.

  5. Roland Thele
    15. Juni 2014 at 18:45

    (2) @Sebastian Esser (@krautreporter)

    Fazit:
    1) Ich finde es merkwürdig, dass ihr konkrete Fragen zum Ablauf des Fundings und zu wichtigen Termini nur sehr vage und schleppend beantwortet habt. An der freudigen Beantwortung der Frage, wer eure Großunterstützer sind, hängt eure journalistische Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit.
    Für die zukünftigen Leser des Magazins, und solche, die es werden wollen, ist nicht ersichtlich, welche möglichen Abhängigkeiten und Interessenkonflikte zu Geldgebern bestehen, denen Krautreporter Anonymität zugesichert hat. Denn wir erinnern uns, dass zu den Leistungen, die Krautreporter verspricht, auch Treffen mit Mitgliedern und sogar gemeinsame Recherche zählen soll. Wenn man dem eigenen Hype, unabhängige Recherche liefern zu wollen, gerecht werden will, müssen anonyme Großbeiträge verpönt sein, und die Namen dieser Personen natürlich auch nachträglich gelüftet werden.

    2) Der von Krautreporter vage ins Spiel gebrachte „unabhängige Ombudsmann“ reicht nicht aus. Hätte eine solche Instanz die 1650€ eines falschen Holger Kreimeyer als akzeptabel eingestuft? Sicher nicht. Bisher sieht dieser Vorschlag sehr nach einem Lippenbekenntnis aus.

    3) Ein Crowdfunding-Modell ‚900K+15K‘, das auf anonyme Großzuwendungen spekuliert, ist anderen, transparenteren, VC-Kapital-basierten Modellen unterlegen. Trennung und Transparenz von großen Zuwendungen auf der einen Seite, und kleine Abonnements (= die echte Crowd) auf der anderen Seite sind die elegantere Lösung, wie z.B. NSFWCorp gezeigt haben. Diese formidable Gruppe von Journalisten um Paul Carr ist mit ihrem Geschäftsmodell übrigens auch daran „gescheitert“, dass sie sich journalistisch mit ihren VC-Geldgebern (CrunchFund’s Michael Arrington und Zappos’ Tony Hsieh) angelegt hatte. Fällt Krautreporter dahinter zurück, sind sie tatsächlich so sexy wie ihre Promo-Videos. Also: #FuckWithTheCrowd!

    4) Nach wie vor ist nicht klar nachvollziehbar, ob die angezeigten 16.507 Unterstützer bei Projektende nun tatsächlich Einzelunterstützer sind. Lag die reale Zahl bei Projektende niedriger, wäre ‚900K+15K‘ in 30 Tagen eben nicht erreicht worden.


    Disclosure: Ich habe drei frühere Crowdfunding-Projekte (Tilo Jung 2x & Jens Weinreich 1x) bei Krautreporter mit ca. 350€ unterstützt.

  6. 15. Juni 2014 at 22:04

    Lieber Roland, ich bin einer der Autoren von Krautreporter. Ich möchte auf einen einzigen, spezifischen Punkt eingehen, da er meine Arbeit betreffen wird. Du schreibst:

    „An der freudigen Beantwortung der Frage, wer eure Großunterstützer sind, hängt eure journalistische Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit.“

    Bisher weiß ich nicht, wer unsere anonymen Großsspender sind.
    Also können Sie mich auch nicht beeinflussen in meiner Arbeit.

    • Peter Portaller
      16. Juni 2014 at 11:56

      Lieber Rico Grimm,

      diese äußerst naive Argumentation fügt sich nahtlos in andere Stellungnahmen einiger Krautreporter ein. Wenn das wirklich Ihre Mindestansprüche an journalistische Arbeit und Projekte sein sollte, bin ich auf die Reportagen der KR tatsächlich gespannt. Oder verstehe ich den Humor nur nicht?

      Gruß
      Peter

  7. Lothar Lammfromm
    16. Juni 2014 at 15:42

    Vielleicht liege ich hier völlig neben der Spur, aber im Etatansatz für Krautreporter gibt es eine auffällig hohe Summe, die für Softwarekosten vorgesehen ist. Ich sage es mal so: Ich wäre jetzt erstaunt, wenn die Sparker GmbH von diesem recht stolzen Betrag überhaupt nicht profitieren würde.

    Ich weiß es natürlich nicht ganz genau, aber In andere Branchen nennt man vergleichbare Konstruktionen „Kickback“.

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