Netzneutralität oder: Wie eine Debatte richtig falsch läuft

Seit Jahren wird über die sogenannte Netzneutralität gestritten. Der offizielle Kern der Debatte ist die Frage: dürfen bestimmte Daten anders im Netz der Netze aka Internet transportiert werden als andere? Und wenn ja, darf dafür mehr Geld verlangt werden? Und wenn auch dieses Bejaht wird: von wem? Vom Endkunden? Vom Anbieter? Von beiden?

Konrad Lischka und Marc-Jan Eumann haben drüben bei netzpolitik.org ihre (medienpolitische) Sicht auf die Debatte aufgeschrieben – 7 Punkte, die es dabei zu beachten gelte. Vielen der Punkte kann ich inhaltlich folgen, regulierungspolitisch sogar den meisten. Aber ich würde bei der Debatte noch einmal ganz vorne ansetzen wollen – und daher noch einmal ein paar Fragen in den Raum werfen.

1.) Wo gibt es derzeit Engpässe im Netz? Im

  1. Backbonenetz und IXPs (Internetaustauschpunkten)
  2. Verteilnetz innerhalb eines Providers.
  3. Endkundennetz ab DSLAM/KVz.

Für 1.1. ist das zumindest hochgradig fragwürdig, solange – wie von Eumann und Lischka angeführt – für beide Seiten kostenneutrale Peering- und nicht Transit-Abkommen („Paid Peering“) geschlossen werden.

Für 1.2. kommt es auf die verbaute Technik der Provider an und auf die Frage, ob CDNs bis zum Verteilnetz liefern können.

Für 1.3 gilt: abhängig von jeweils verfügbarer Technik, Leitung und Kapazität des Switches.

In der Vergangenheit haben sich die Tk-Anbieter immer um klare Antworten gedrückt, wo in ihren Netzen (nicht in ihren Geldbeuteln) denn eigentlich tatsächlich Engpässe seien.

2.) Was soll mit Eingriffen in die Netzneutralität erreicht werden?

  1. Geringere Latenz und höhere Reliabilität für kritische Infrastrukturen (Stromnetz-, Gasnetz-, Wassernetzinfrastruktur, sicherheitskritische Bundeswehr-Kommunikation, Priorisierte Voice-over-IP für Polizei, THW, Feuerwehr etc.)
  2. Geringe Latenz für künftige Bullshitbingo 2.0-4.0-Dienste (Car 2 Car-Kommunikation, Realtime-Logistik, Smart Home, Selftracking)
  3. Geringere Last durch parallele Mehrfachauslieferung identischer Inhalte über komplexe Routingstrukturen hinweg
  4. Geld.

Während 2.1 vielen Menschen nachvollziehbar erscheint, sich allerdings direkt die Frage anschließt, wo die kritischen Infrastrukturen beginnen und wo sie genau enden (ist „Telemedizin“ immer kritisch? Wo ist die Abgrenzung zwischen digital gesteuertem Herzschrittmacher und eHealth-Spaß-Anwendungen wie Selftracking? Hat das etwas im „offenen“ Internet verloren?).

Punkt 2.2 wird in den politischen Debatten gerne angeführt. Allerdings hat mir noch niemand erklären können, welche problematischen Datenmengen es sein könnten, die beispielsweise in Car2Car-Kommunikation anfallen könnten. Hier ist es nicht zuletzt an den Programmierern der Software für eben solche Bereiche, darauf zu achten, dass sie eben keine Realtime-Notwendigkeit vorsehen, die ihnen das Netz auf absehbare Zeit nicht garantieren kann – schon gar nicht bei einem sich bewegenden Objekt. Die Logik muss in weiten Teilen auch künftig am Objekt bleiben und darf über das Netz nur Verbesserungen erfahren. Die grundsätzliche Fahrtüchtigkeit eines Automobils darf eben auch künftig nicht von der Verfügbarkeit des „as a Service“ abhängen – das will niemand haben, und das zu Recht. Auch Container werden nicht jederzeit und überall jede Information über jede Keksdose in ihnen digital abgleichen müssen. Hier kommt es überall nicht auf die Netzneutralität an.

Punkt 2.3 hingegen ist ein überaus valider, da Videoinhalte das Netz doch ordentlich mit Daten vollstopfen. Für jede Übertragung wird – zumindest theoretisch – über die gesamte Strecke, vom Anbieter bis zum Endkunden, jedes Mal die volle Datenmenge ausgeliefert. Broadcasting, das Aussenden eines Signals an viele zugleich, ist im Internetprotokoll als solches nicht wirklich vorgesehen und schon gar nicht etabliert. Fernsehsender und Onlinevideoanbieter versuchen das Problem dadurch zu umgehen, dass sie auf besondere Infrastrukturen setzen: CDNs, Content Delivery Networks, also parallele Netzwerkstrukturen die möglichst nah am Kunden erst ausliefern – wenn denn die Endkundennnetzanbieter sie lassen. Dafür verlangen einige jedoch viel Geld, andere weniger. Vergleichbar datenverkehrsintensiv wie die Fernsehliveevents Tatort oder Fußball ist ansonsten in Deutschland eigentlich nur, wenn Apple mal wieder große Updates für iOS-Geräte rausschiebt. Allerdings dürfte das alles kaum vergleichbar sein mit künftigen 8K-UHD-Videostreams (4320p), die sich bereits heute abzeichnen und mit 995,33 MBit/Sekunde etwas mehr Verkehr verursachen würden als popelige 720p-Youtube-Videos. Wenn denn die Nutzer sich überhaupt entsprechende Endgeräte zulegen und sich dadurch Nachfrage nach diesem Format ergibt, mir persönlich geht die Evolution der Glotzformate etwas zu fix, so dass ich nun erst einmal ein Jahrzehnt abzuwarten plane.

Damit sind wir bei Punkt 4. Im Netz wird eine Menge schnöder Mammon verdient. Aber die Zugangsanbieter sagen: nicht durch uns, wir verdienen viel zu wenig und dann sollen wir für die Kunden auch noch die Netze ausbauen, was richtig viel Geld kostet. Sie haben vor Jahren das Prinzip der Flatrate eingeführt, das von den Kunden akzeptiert wurde: im Rahmen einer Mischkalkulation werden Pauschalbeträge monatlich von den Endkunden entrichtet. Einige Nutzer nutzen sie intensiver, andere weniger. Aber klar ist: die Kunden möchten gerne möglichst schnelle Leitungen für möglichst wenig Geld. Und einige der Dienste, die früher den Telefonanbietern viel Geld eingebracht haben – Telefonieren, SMS – sind heute keine Cashcow mehr, dank VoIP-Telefonie und Instant Messengern, die in der Flatrate-Kalkulation der Anbieter eigentlich bereits mittarifiert sein müssten. Ganz abgesehen davon, dass auch die „klassische“ Telefonie heute in weiten Teilen über „das Internet“ abgewickelt wird, weil die Telekommunikationsanbieter damit selbst Geld sparen können, genau wie ihre Kunden…

[Update: siehe u.a. hierzu auch die kurze Ergänzung des Eumann/Lischka-Textes von Alvar Freude in seinem Blog]

Endkundenzugangsanbieter sagen einem recht offen: eigentlich müssten wir die Preise anheben, damit wir genug Gewinn machen, um schneller ausbauen zu können. Aber dann würden ihnen die Kunden zum Nachbaranbieter weglaufen, der nicht ausbauen will oder erst später und damit derzeit günstiger ist. Der kapitalistische Verbraucher kann schon sehr gemein für die Telekommunikationsunternehmen sein, und sie suchen nun nach alternativen Geldquellen. In Umgehung der Preiserhöhung bei den Flatrates propagieren sie seit einigen Jahren nun bestimmte Qualitätsklassen der Datendurchleitung, und möchten dafür dann gerne mehr Geld – am liebsten vom Endkunden und vom Anbieter. Wenn das beim Endkunden aber nicht geht, weil der sonst wegläuft, dann bleibt der Anbieter. Allerdings muss dann an der Stelle eine andere Frage beantwortet werden:

3. Wie entsteht eigentlich Netzverkehr? Durch

  1. die Diensteanbieter
  2. den Nutzer
  3. Maschinen

3.1. ist nur zu ganz geringen Teilen richtig. Natürlich erzeugen auch die Diensteanbieter selbst Traffic, aber in erster Linie bieten sie eben Inhalte an. Auch wenn das Ideal des Netzes eben darin besteht, dass jeder Nutzer zugleich auch Anbieter ist: de facto ist das ein relativ theoretisches Konstrukt und die wenigsten Endverbraucher kommen auf die Idee, ihren Internetzugang auch zum Anbieten zu nutzen.

3.2. ist hingegen der Hauptteil des heutigen Internetverkehrsaufkommens. Nutzer Hans klickt auf ein Video auf einer Website, die macht daraufhin quasi einen Kanal quer durch das Netz auf und liefert ihm die Daten, die er haben wollte. Ähnliches gilt für alle möglichen Websites: ohne User-Request kein Traffic.

3.3. ist derzeit noch vernachlässigbar, wenn man von Systemupdates absieht. Aber: hier kommt einiges mehr auf uns zu. Noch haben wir Glück und unsere latent dämlichen Staubsaugerroboter legen auf eigene Unterhaltung wenig Wert, aber die Alltagskommunikation von Maschinen wird beträchtlich zulegen. Doch was hat das mit Netzneutralität zu tun? In welchen Bereichen wird M2M wirklich Realtime-kritisch sein?

Ein automatischer digitaler Notruf bei einem Unfall beispielsweise, der Standort, Zeitpunkt und Anzahl der Insassen eines Fahrzeuges sowie ggf. eine hinterlegte Fahrerhandynummer an eine Notrufzentrale meldet, dürfte eine überaus überschaubare Datenmenge funken. Selbst das uralte GSM sollte das jederzeit hinbekommen, vor allem, wenn die Botschaft nach Priorität in mehreren Bausteinen ausgesandt wird: zuerst „Notruf/Standort“, dann „Zeitpunkt“, dann „Zusatzinformationen“. So lange die zuständigen Softwarehersteller hier also vom Netz als oft knapper verfügbarer Ressource her denken und nicht davon ausgehen, dass Autos wie Oberleitungsbusse an Glasfaserkabeln durch die Landschaft rauschen, ist hier kein Problem zu erwarten.

Bliebe die Frage:

4. Haben wir also überhaupt ein Problem?

Ich will es so sagen: Jein.

Für simultane Videoauslieferung von Liveinhalten braucht es mittelfristig eine Lösung, oder es wird eben nur in schlechterer Qualität ausgeliefert als vom Nutzer gewünscht. Hier fehlt es noch an kreativen, guten Ideen, die über klassische CDNs und eine mögliche Peeringregulierung hinausgehen. Eine will ich hier mal entwerfen: Man könnte zum Beispiel DVB-T2-Antennen mit angeschlossenen Caches in den Kabelverzweigern einbauen. Über DVB-T2 wird der sonntägliche Tatort eh abgeliefert und als Content Delivery Network ist ein luftbasiertes Broadcastsignal kaum schlagbar. Und schwupps, wäre viel Last aus dem Netz verschwunden….

Das Problem auf der allerletzten Meile zum Kunden, noch viel zu oft Kupfer, bleibt allerdings weiterhin nicht gelöst. Dort erscheint es mir sinnvoll, dass Kunden nach eigenen Wünschen im Rahmen einer zugesicherten Mindestbandbreite ihre „Quality of Service“-Parameter festlegen können, nach den Wünschen, die sie haben. Dafür könnten sie das Netzabschlussgerät in ihren eigenen vier Wänden konfigurieren: den Router.

Ein Problem aber gibt es natürlich: Wer baut dann die Netze aus, wenn die Telekommunikationsunternehmen zu wenig Geld verdienen, um das zu tun? Wenn ihnen die Anreize fehlen? Ich würde vermuten: Anbieter, die schnelle Leitungen verlegen, Inhalteanbieter und deren CDNs an ihre Verteilnetze peeren lassen, weil ihre Nutzer damit am wenigsten Ruckelei erfahren, und die auch sonst kreative Lösungen für das Broadcastingproblem finden, dürften in der Nutzergunst mittelfristig ganz vorne dabei sein. Und die anderen eben nicht.

Quality of Service und Diensteklassen aber als alternative Geldquelle zum wettbewerbsgestützten Eigentor in der Preiskalkulation der Flatrates bei gleichzeitig zurückgehenden SMS- und Telefonie-Einnahmen erschließen zu wollen, unabhängig von Sinn und Verstand, das erscheint mir fragwürdig und extrem nach „Macht kaputt was Euch kaputt macht“, eine in der Marktwirtschaft hiesiger Prägung überaus ungewöhnliche Einstellung.

Die Netzneutralität über die letzte Meile hinaus einzuschränken, das sollte nach über fünf Jahren, die ich mich damit nun immer wieder intensiv beschäftige, eindeutig den wenigen tatsächlich zeitkritischen Diensten im Bereich von Katastrophenschutz und öffentlicher Ordnung vorbehalten bleiben. Nur wird man für die kaum nennenswerte Geldsummen nehmen dürfen.

  4 comments for “Netzneutralität oder: Wie eine Debatte richtig falsch läuft

  1. Maik
    25. November 2014 at 0:46

    „3.3. ist derzeit noch vernachlässigbar, wenn man von Systemupdates absieht“ – Ich denke, davon kann man nicht mehr absehen. In einem durchtechnisierten Mehrpersonenhaushalt, also sowas wie zwei bis vier PCs und Laptops, vielleicht einer davon mit Steam, zwei Smartphones, ein Tablet, vielleicht noch eine Spielkonsole und/oder eine Streamingbox im Wohnzimmer…da können durchaus mehrere Gigabytes an Updates an einem Tag zusammen kommen. Wenn Provider sich gönnen wollen, schon bei 10 GB am Tag zu drosseln, ist das eine Größe, die man nicht vernachlässigen kann. Von Funktarifen mit wenigen GB im Monat ganz zu schweigen.

    • fsteiner
      25. November 2014 at 11:51

      Hi Maik,

      aus der Sicht des Themas „Datenvolumen“ und „Drosseln“ ist das tatsächlich richtig, aber aus reiner Netzneutralitätssicht ist das erst einmal irrelevant, denke ich. Mehrere Gig am Tag sind grundsätzlich kein Problem – außer ein bisschen für die Flatratekalkulation, so lange nicht bei vielen das Ganze gleichzeitig passiert.
      Abgesehen davon: ich hab mal bei einem meiner Smarties mitgemessen, was es im WLAN so tut – da komme ich bei aller Anstrengung nicht annähernd auf 1 Gig/Tag, selbst wenn ich dabei noch Radiostreams übers WLAN in guter Quali höre (Mäusekino will man darauf ja kaum dauerhaft, höchstens mal 3-4 Clips auf Videoportalen, wenn man Zuhause auch Großbildalternativen hat).

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