Autorisierung: Was gilt das gesprochene Wort?

Zeitungen, Zeitungen, Zeitungen. (c) Falk Steiner
Zeitungen, Zeitungen, Zeitungen. (c) Falk Steiner

Im Zuge der Debatte um die Äußerungen der AfD-Spitzenpolitikerinnen wird nun auch wieder über die Autorisierungspraxis in Deutschland diskutiert. Die nachträgliche Autorisierung ist ein sehr deutsches Phänomen: im Kern ist es die Vereinbarung vor einem Interview, dass das Gesagte in der verschriftlichten, redaktionellen Fassung dem Interviewten (in der Praxis oft dessen Pressesprecher) noch einmal vorgelegt wird. Dann kann der oder die Interviewte noch einmal Änderungen vorschlagen, bevor das Interview oder die Zitate tatsächlich veröffentlicht werden.

Doch manches Mal wird die Diskrepanz zwischen dem Gesagten und dem, was der oder die Interviewte hinterher gesagt haben will, recht groß. Für Redaktionen gibt es dann vor allem eine Frage: Akzeptieren und etwas abdrucken? Oder doch beim gesprochenen Wort bleiben wollen – und im Zweifel dann nur weiße Antworten abdrucken, und auch jene Fragen weglassen, die die Antwort davor erahnen lassen? Das zum Beispiel war die Wahl der Zeit, als sie einmal Oliver Kahn interviewte.

Es gibt Politiker und andere Prominente, die geben am liebsten Zeitungen Interviews. Denn dort ist das gesprochene Wort in aller Regel zwar gesagt worden, aber noch lange nicht veröffentlicht. Ein Fernseh- oder Radiointerview lässt sich im Nachhinein kaum mit dieser Praxis aufhübschen, schon gar kein Live-Interview. Wobei es bei Voraufzeichnungen auch bereits Interventionen der Pressesprecher zu einzelnen Antworten gegeben haben soll – oder, noch schlimmer, Pressesprecher alle Fragen vorab bekommen wollten. Natürlich, damit sie vorher entsprechend „Sprache“, also Antworten vorfertigen können.

Für Journalisten sollte das eigentlich ein Abbruchkriterium des Interviewversuchs sein. Wenn das Thema benannt, der Termin vereinbart und das Interview geführt ist, sollte der Interviewte eigentlich nichts mehr damit zu tun haben.
Bloß: auch Journalisten profitieren an vielen Stellen von der Autorisierungspraxis. Zum einen haben ihre Gesprächsgäste keinen Grund, nicht zuzusagen – sie können ja alles im Nachhinein wieder einfangen.
Sodann werden Interviews für Druckfassungen oft „verdichtet“: Aus verquasten Fragen und langatmigen Antworten werden ein Hauptsatz und präzise Fragen herausgepellt. Ich würde zum Beispiel wetten wollen, dass kaum ein „Bild“-Interviewter so spricht, wie es den abgedruckten Interviewantworten entspricht…

Verschwinden würde die Autorisierung wohl dann von allein, wenn es durch die Vorab-Zusage einer nachträglichen Autorisierung keinen Vorteil mehr geben würde, um Interviewpartner zu bekommen. Wenn Autorisierungspraxis kenntlich gemacht werden müsste. Wenn Zeitungen den Mut hätten, anstelle des Interviews einen Kasten zu drucken, in dem steht, wer vom gesprochenen Wort zu weit weg wollte. Oder wenn Interviewer und Interviewte tatsächlich so gut vorbereitet und klar sprechend in ihre Interviews gehen würden, wie es das Ergebnis oft suggeriert.

Das wird wohl ein Wunschtraum bleiben – und so lange empfehle ich, um über den Unterschied nachzudenken, mit allen halbfertigen Bandwurm-Sätzen die Transkripte von Radiointerviews.